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Christoph Dohr

aktualisiert
Dienstag, 10.09.2019 9:40

I019

1827 (ca.) | Hammerflügel #7886 William Stodart (London)

Kurzcharakteristik: Eine Rarität [Mobbs weist 2014 ca. 20 erhaltene Stodart-Flügel mit compensation frame nach] – und einer der älteren bekannten sechseinhalboktavigen (C1 bis f4) Stodart-Flügel mit senkrechter Tastenvorderklappe und compensation frame in seiner ältesten, dem Patent entsprechenden Erscheinungsform. Besonderheit ist der vorgenannte, 1820 von Stodarts Mitarbeitern James Thom und William Allen erfundene und patentierte „compensation frame“ (English Patent No. 4431, 1820). Die Hammerköpfe haben den originalen, vier- bis fünffachen Lederbezug. Länge: 240 cm, Breite: 120 cm. Unterdämpfung. Die Seriennummer befindet sich im Furnier auf der Fläche rechts vor dem Wirbelfeld des Diskant-Stimmstocks.

Zustand: Das Instrument ist derzeit unrestauriert. Die entscheidende Original-Substanz ist allerdings vorhanden.Fehlende Teile: senkrechter Tastenvorderdeckel; Vorstecker; Notenpult; Furnier auf Basswand, u.a.

Provenienz: Erwerb 2002 im Rahmen eines Konvolutes aus der Sammlung von Prof. Dr. Rulffs, Heppenheim

Der compensation frame - Patent und Wirklichkeit

Der compensation frame hat (mindestens) drei Vorteile gegenüber der Holzrast (der spätere gusseiserne Rahmen adaptierte diese Vorteile zu einem großen Teil):

  1. Beim compensation frame wird die Saitenspannung von einem Rahmen aus [im Falle von Flügel #7886] drei Messing- (im Bereich der Messing-Basssaiten) und sieben Stahl-Röhren (im Bereich der Stahl-Saiten) aufgenommen, so dass das hölzerne Korpus von der Saitenzugkraft komplett entlastet wird und die Rasten auf ein Minimum reduziert sind: Die hölzerne Rast dient lediglich der "allgemeinen Stabilität" der Konstruktion. Die beim durch Instrument #7886 repräsentierten Modell insgesamt zehn Röhren werden durch fünf an den Kreuzungspunkten mit den Röhren ausgekehlte hölzerne Querspreizen, die mit der Rast verspannt sind, in Position gehalten.
  2. Der stabile compensation frame ermöglicht es, einen stärkeren Bezug aufzuziehen und damit die Lautstärke des Instrumentes zu vergrößeren.
  3. Der Bereich des frei schwingenden Resonanzbodens - und damit die Abstrahlfähigkeit desselben werden vergrößert (cv. Kenneth Mobbs, s. Literatur).
  4. Der „compensation frame“ ist leicht (leichter als eine entsprechende hölzerne Konstruktion, viel leichter als ein Gussrahmen). Er ermöglicht zudem eine sehr schlank gehaltene und damit leichte Raste, und so hat dieser Hammerflügel das Gewicht eines Cembalos! Hammerflügel mit compensation frame neigen nicht zur Deformation, da die Kompensation der Saitenzugkraft sehr nahe an ihrer Entstehung erfolgt.
  5. Als weiterer Effekt stehen die Materialien und damit die Ausdehnungskoeffizienten des compensation frame mit den Materialen des Saitenmaterials in Kongruenz: Im Bereich der Basssaiten findet sich Messing, im übrigen Bereich Stahl. Diese Kongruenz sollte die Stimmhaltung verbessern. Durch Auskoppelung des Materials Holz aus der statischen Konstruktion fand zudem keine Veränderung der Stimmung bei Änderung der Luftfeuchtigkeit statt.

Als Nachteile des compensation frame gegenüber anderen statischen Lösungen könnten gelten:

  1. Der compensation frame bedingt die Unterdämpfung. Diese ist zwar recht effizient (Andruck mit der Masse des Tastenhebels statt Schwerkraft aufgrund Eigengewicht), ist aber schwerer zu warten/zu regulieren und in den Dimensionen kaum variabel.
  2. Die Optik des compensation frame ist auf der einen Seite attraktiv und faszinierend, machte die Bauform auf der anderen Seite allerdings zu einem sonderlichen Exot.
  3. Die Verkaufspreise und damit vermutlich auch die Herstellungskosten lagen deutlich über dem Durchschnitt der allgemeinen Preise (und vermutlich auch Herstellungskosten) für flügelförmige Pianoforte.
  4. Derzeit noch keine Belege, aber Vermutungen gibt es, dass die Röhren des compensation frame eine Eigenresonanz besitzen könnten, die den Klang benachbarter Saiten verfremdet. Ähnliche Effekte sind immerhin von massiven Spreizen in frühen Hammerflügeln bekannt.

"In 1820 two of William Stodart's workmen, James Thom and William Allen, invented a "compensating frame" in an attempt to eliminate the problem of the piano going out of tune in extremes of atmospheric temperature and humidity. This included tubes of brass and steel fixed above the strings. William Stodart immediately purchased their interest in it. What quickly became known as Stodart's compensation frame piano existed both in trichord and (from the 1830s) bichord forms. A grand piano with the compensation frame, exhibited at the Great Exhibition op 1851 staged in London, also featured an inverted wrestplank, as does an earlier one from about 1844. The Stodarts made fine instruments, [...]. Their instruments were expensive (between sixty and seventy guineas) but for the purchaser represented a sound proposition because of their quality and hence durability." (Ord-Hume, siehe Literatur)

"William Stodart developed the ideas of James Thom and William Allen, found in their important patent of 1820, to produce a Grand piano with the first, almost, complete metal frame to withstand the tension of the strings. To quote from Thom and Allen’s patent specification: 'The object of our ... Invention is to lessen the tendency of pianofortes to get out of tune from the swelling and contracting of the wood they are composed of... and the manner in which we intend to carry this Invention into effect is, by taking the strain of the wire strings off the wooden frames of the ... instruments, to which they are affixed at only one end, and keeping them stretched by means of brass and iron wires, rods, plates, bars, or tubes properly applied to their other ends, so that the strings will be but little affected in their tension by moisture or dryness, heat or cold.'"

Zeichnung aus der Patentschrift Stodarts (oben) Zeichnung aus der Patentschrift Stodarts (Mitte) Zeichnung aus der Patentschrift Stodarts (unten)

Abbildung: Zeichnung aus der Patentschrift Stodarts von 1820. Die Anzahl der Röhren und der hölzernen Querspreizen variierte später von Modell zu Modell.

Typologie

Bisher war eine Datierung der Stodart-Flügel aufgrund einer fehlenden Konkordanz nicht möglich. Viele Museen und Sammler orientierten sich mehr oder weniger am Jahr des Patents. Zudem "glauben" viele Experten aufgrund der katechismusartig verbreiteten "Lehre von der Evolution des Tastaturumfangs", dass kleinere Instrumente älter als vom Ambitus größere sind. Dies ist nun wiederlegt. Kenneth Mobbs hat nämlich bereits vor fast zwei Jahrzehnten - an allerdings entlegener Stelle, nämlich unter dem Namen der Erfinder und nicht des Patent-Verwerters Stodart (siehe Literatur), eine quasi-Konkordanz publiziert. Mobbs kann in seinem Artikel mindestens sieben verschiedene von Stodart compensation-frame-Modelle unterscheiden. Leider macht Mobbs keine Angaben zum jeweiligen Ambitus der Instrumente.

(1) Flügel #5821 (von Mobbs datiert auf c. 1821) weist eine Konstruktion auf, die zwar schon den compensation frame, diesen aber nicht patentgerecht verwendet: ausschließlich Stahlröhren.

(2) Das Patent (siehe Zeichnung oben) verwendet vier eiserne und neun Messing-Röhren. Einen streng nach Patent gebauten Flügel mit insgesamt 13 Röhren kann Mobbs allerdings nicht nachweisen.
-- Flügel #5759, #5821, #8066, #8708 (von Mobbs datiert auf c. 1820 bis 1831) weisen drei plus sieben Röhren auf. In diese Gruppe "passt" das Instrument #7668 der Sammlung Dohr (bei Mobbs unbekannt).
-- Flügel #8976 und #9127 (von Mobbs datiert auf c. 1832) weisen drei plus sechs Röhren auf.
-- Flügel #9458 (von Mobbs datiert auf c. 1833) weist drei plus fünf Röhren auf.

(3) In der Mitte der 1830er-Jahre ist Stodart in seiner Produktion von der im Patent vorgesehenen Material-Kongruenz Saiten vs. Röhren abgewichen. Er baut nun Flügel mit ausschließlich Stahlröhren-Kompensationsrahmen:
-- Flügel #9772 (von Mobbs datiert auf c. 1834) hat sieben eiserne Röhren; er weicht von den späteren Stodart-Flügeln mit Stahlröhren-Kompensationsrahmen bautechnisch ab, indem er im Diskant einen Kapodaster über 30 Töne hat.
-- Flügel #10398 (Sammlung Dohr, bei Mobbs unbekannt) hat sechs eiserne Röhren bei 6 Oktaven Ambitus.
-- Flügel #10399 (von Mobbs datiert auf c. 1837) hat acht eiserne Röhren bei 6 1/2 Oktaven Ambitus. Flügel #10511 (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, MINe 507) ist baugleich (8 -> 6 1/2), wird aber im Katalog des Museums fälschlich auf 1825 datiert.

(4) Mobbs listet in seinem Artikel weitere Details, in denen sich einzelne Exemplare unterscheiden.

Fazit: [A] Es gibt laut Mobbs drei Bauphasen: 1. experimentelle Frühphase (#5821); 2. Bauphase gem. Patent mit Röhren aus Messing (Messingbezug) und Eisen (Stahlbezug): ca. 1820 bis 1831; 3. Bauphase in Weiterentwicklung des Patents mit ausschließlich Stahlröhren (ab ca. 1833). [B] Die Anzahl der Röhren variiert (auch) aufgrund der verschiedenen Tastatur-Umfänge: Stodart baute - die Seriennummern belegen es - in den 1820er- und 1830er-Jahren gleichzeitig (und wohl nicht "evolutionär" nacheinander; mindestens) zwei verschiedene compensation-frame-Flügel-Größen: 6 1/2 Oktaven und 6 Oktaven. [C] Erstaunlich ist die lange Bauzeit dieses konstruktionsbedingt nur mit Unterdämpfung (die rückfallende Taste drückt mit ihrem Tastenhebelgewicht den Püscheldämpfer von unten an das Chor) herzustellenden Systems von wohl mehr als drei Jahrzehnten!

Literatur:

  • Art. Beledern, in: Schilling (Hg.), Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Erster Band. Stuttgart: Franz Heinrich Köhler 1835, S. 535-537
  • W. Pole, Musical Instruments in the Great Exhibition of 1851, London 1851, S. xx
  • Oscar Paul, Geschichte des Claviers, Leipzig 1868, S. 119-121, 125-127 (hier ausführliche Klang-Beschreibung), S. 159
  • Art. „Pianoforte“, in: Mendel/Reissmann, Musikalisches Conversations-Lexikon, Bd. 8 (1877), S. 85-91, hier S. 91)
  • Edgar Brinsmead: The History of the Pianoforte, London 1889, S. 128f. u. S. 202 (wichtige Funktionsbeschreibung)
  • Blüthner/Gretschel, Der Pianofortebau, 4. Aufl. Leipzig 1921, S. 29-31
  • Alfred Dolge, Pianos and their makers, 1911, Reprint New York 1972, S. 69
  • Alfred J. Hipkins: A Description and History of the Pianoforte, London 1929, S. 16
  • Rosamond E. M. Harding, The Piano-forte: its History, Traced to the Great Exhibition op. 1851, Cambridge 1932, S. xx
  • Kenneth van Barthold und David Buckton: The Story of the Piano. London: British Broadcasting Corporation 1975., S. 46 u. Abb. nach S. 64
  • Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 288f.
  • Dominic Gill (Hg.): Das große Buch vom Klavier, Freiburg u.a. 1983, S. 33 (Abb. eines jüngeren Instrumentes ohne eingezogene Klaviatur; identische Bauart)
  • Margaret Cranmer: Art. „Stodart“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 18, S. 163
  • Rosamond E. M. Harding, Art. “Pianoforte §1,6: England and France, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 6. Aufl. 1985, Vol. 14, S. 697-702
  • Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano 1700-1820, Oxford 1993, S. 284-289
  • Margaret Cranmer: Art. Allen William, in: Robert Palmieri (Hg.): Encyclopedia of the Piano, New York / London 1996, S. 24f.
  • Arthur W. J. G. Ord-Hume: Art. Stodart, Robert and William. in: Robert Palmieri (Hg.): Encyclopedia of the Piano, New York / London 1996, S. 379f.
  • Kenneth Mobbs: Art. Thom, James, and William Allen. in: Robert Palmieri (Hg.): Encyclopedia of the Piano, New York / London 1996, S. 403
  • Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 289
  • Martha Novak Clinkscale: Makers of the Piano, 1820-1860. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 360-364
  • E-Mail-Wechsel mit Kenneth Mobbs August 2014