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Christoph Dohr

aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I026

1962 | "Cembalino" J. C. Neupert #20537 (Bamberg)

[Bild folgt] [Bild folgt] Cembalino im restaurierten Zustand: links: spielfertig geöffnet; rechts: im geschlossenen Zustand; danach drei Fotos mit Details der Mechanik, insbesondere der Dämpfung.
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Einmanualiges Hausmusikinstrument nach einer Konstruktions-Idee von Hanns Neupert ("aufrechtstehendes Kleincembalo mit Kielmechanik"; dt. Patent); es kombiniert die historische Bauweise des Clavicitheriums (auch: Klavicitherium) mit der Bauart eines geschrumpften Kleinst-Pianinos in Rastenbauweise - das alles gekleidet in die Formensprache des 1950er-Jahre-Mobiliars; im geschlossenen Zustand Dimensionen und Aussehen eines Schuhschrankes und nicht als Musikinstrument zu identifizieren (u.a. keinerlei Schriftzug bei eingeklappter Tastatureinheit sichtbar); zudem frappante "Modernizität" durch die beinahe quadratische Front. Vier, lediglich 20 mm hohe Füße bringen den Korpus zum "Schweben".

Klaviatur ein-/ausklappbar; an der Klaviatur mittels Klavierband anhängend ist das Vorsatzbrett, das sich beim Klappvorgang mitbewegt. "Neupert"-Schriftzug rechts oben auf Vorsatzbrett im 1950er-Jahre-Music-Box-Stil; je drei Schallschlitze links und rechts im Vorsatzbreitt, ebenfalls an das Design von Music Boxes erinnernd. Die Tastenhebel legen sich beim Aufgeklappen unter löffelförmig ausgebildete Hebel, die den Tastendruck auf die Mechanik übertragen.

Oberhalb des Vorsatzbrettes sind vier Schieber zur Betätigung der Register angebracht (zwei Gruppen zu je zwei Schieber, links und rechts nahe der Korpuswand; die Pfeile zeigen an, in welcher Richtung eingeschaltet wird [auf den Messingschildchen fehlen die Fuß-Zeichen]):

  1. B4' -->
  2. <-- 8'
  3. 8'L -->
  4. D4' -->

Bei geschlossenem Deckel ist das Cembalino nur bedingt spielbar, da lediglich Notenhefte bis zu einer Höhe von 21 cm aufgestellt werden können. Der Deckel ist mittels einer links montierten Stütze nach Art der Pianino-Deckel aufstellbar (Deckel klappt vorne nach oben, hinten mit Klavierband befestigt).

  • Breite: 94,5 cm
  • Höhe (geschlossen): 93 cm, zzgl. ca. 2 cm Fußhöhe
  • Höhe (spielbereit/aufgestellter Deckel, inkl. Füße): 110 cm
  • Tiefe (geschlossen): 25,5 cm
  • Tiefe (bei ausgeklappter Klaviatur = spielbereit): 44 cm
  • Umfang: C – f3 = viereinhalb Oktaven
  • Disposition: 8’ + geteilter 4’ (Teilung bei h/c1); 8'-Lautenzug
  • Silberton-Kiele
  • Korpus Nussbaum satiniert, Front Esche.

"Regulierung der Tonstärke: // Am Mechanikbalken laufen 2 Schubleisten, die durch Betätigung der Registerhebel für 8' und 4' seitlich bewegt werden. Die zum Spieler vordere Leiste gehört zum 8', die hintere Leiste zum 4'. Diese Schubleisten tragen obenauf ösenschrauben, an denen die einzelnen Zungenträger entlang gleiten. // Die ösenschrauben dienen der Stärkeregulierung der einzelnen Töne. Die Regulierung erfolgt bei eingeschaltetem Register durch geringe Drehung der ösenschrauben mittels eines beigegebenen Spezialwerkzeuges. Es handelt sich dabei wegen der Hebelwirkung nur um ganz geringe Drehung.

An den Enden der Schubleisten sind im Baß und Diskant je 2 Stellpiloten eingeschraubt. Die Stellpiloten dienen bei 8' und 4'/Diskant der gesamten Stärkeregulierung des betreffenden Registers. // Für den 8' bewirkt Eindrehen (im Uhrzeigersinn) der im Baß vorne auf den Spieler zu befindlichen Stellpilote größere Tonstärke des ganzen Registers. // Für den 4'/Diskanthälfte bewirkt Eindrehen (im Uhrzeigersinn) der im Diskant hinten (vom Spieler weg) befindlichen Stellpilote größere Tonstärke der ganzen Diskanthälfte des Registers.

Zusammenspiel und Dämpfung: // Für die Regulierung des gleichzeitigen Angriffs von 8' und 4' besitzen die 4'-Zungenträger (ober Glieder) auf der Stirnseite eine Regulierungsmadenschraube. Rechtsdrehung dieser Madenschraube bewirkt einen früheren, Linksdrehung einen späteren Einsatz des betreffenden Tones im 4'. // Bei der Einstellung des Angriffs ist immer darauf zu achten, daß der Kiel nach dem Loslassen der Taste wieder an der Saite unterschlüpfen kann.

Bei größeren Veränderungen ist eventuell eine Nachstellung der Dämpfung durch vorsichtiges Biegen des Messingwinkels an der Spitze des Zungenträgers notwendig. Zu diesem Zweck können die Zungenträger nach Entfernung der oberen Sicherungspuppe nach oben abgenommen werden. Beim Wiederaufsetzen ist auf Vollzähligkeit der zwischengelegten ösen, Ringe und richtigen Federeinsatz zu achten.

(Nur für Techniker:) // Wenn die Mechanik im ganzen "press" steht, sind die Angriffslöffel der Mechanik am hinteren Ende der Klaviatur entsprechend nach oben zu kröpfen, aber ohne "Schnabelluft". -

Die Stimmung des Instruments erfolgt wie die eines Klaviers vom Normalton des 8' aus. Der 4' kann in Oktaven dazu [g]estimmt werden. Die Wirbelreihe für den 8' ist am Stimmstock die untere, die für den 4' die obere. Zwecks guter Stimmhaltung ist darauf zu achten, daß die Wirbel beim Stimmen nur gedreht, nicht gedrückt werden. Verwendung darf nur der genau passende mitgelieferte Spezialstimmhammer finden. -

Saitenersatz und etwa notwendige weitere Beratung durch die Fabrik [sic!] in Bamberg, Am Knöcklein 9-13."

(zit. nach Behandlungsanweisung ... masch, S. 1f.)

J. C. Neupert baute von diesem Typ in der Zeit zwischen 1957 und 1977 insgesamt 73 Exemplare (tel. Information von Wolf Dieter Neupert 26. Juni 2007). Das Instrument der Sammlung Dohr wurde am 29. Januar 1962 an Klavierhaus Faust, Wuppertal (Mitteilung WDN 18.08.2003) ausgeliefert und schließlich für die Sammlung Dohr bei einem Berliner Trödler erworben; Restaurierung 2005 durch J. C. Neupert, Bamberg.

Anmerkungen: (A) Die Konstruktion des Instrumentes der Sammlung Dohr ist gegenüber obiger "Behandlungsanweisung" modifiziert: Die Schubleisten des 4'-Registers besitzen für die Einzelregulierung ösenschrauben, diejenige des 8'-Registers jedoch Winkelhaken. Es scheinen zudem Cembalino-Instrumente gebaut worden zu sein, bei denen der Lautenzug wechselweise auf den 8' oder auf den 4' wirkte. Weiterhin gibt es Cembalini, bei denen die Aufhängung/Regulierung der Dämpfungs-Zylinder nicht durch Drahtschlaufen, sondern durch hölzerne Träger geschieht. (B) Durch die Kippung des Zupfmechanismus von der Vertikalen in die Horizontale muss die Schwerkraft durch einen Federmechanismus ersetzt werden. Die Regulierung kann dabei zum anspruchsvollen Geduldsspiel werden, da pro Taste je ein in der Aufsicht kreisrunder Dämpfer sich von hinten genau mittig so hinter die jeweilige 8'- und die 4'-Saite zu legen hat, dass beide Saiten gleichzeitig ausreichend stark gedämpft werden. Kurz bevor die Dämpfungswirkung einsetzt, haben beide Kiele zudem noch "unterzuschlüpfen". (C) Das Cembalino hat keine "Springer" bzw. keine "Docken". Die Kiele sitzen in Zungen, die J. C. Neupert hier als Neologismus "Zungenträger" nennt - terminologisch durchaus nicht korrekt, denn im Normalfall sind die Springer/Docken die Träger der Zungen. Beide "Zungenträger" befinden sich auf einer senkrechten Achse, die durch Tastenanschlag einen Zupfvorgang vom Spieler weg - in Richtung Resonanzboden (also in der Gegenrichtung einer "normalen" Cembalomechanik) - auslöst. In Analogie zum Hammerflügelbau ist damit das Cembalino "oberschlägig". Bestückung dieser senkrechten Achse (von unten:) 8'-"Springer", 4'-"Springer" mit Regulierungsmadenschraube, Dämpferhalter mit oben aufgeschraubter regulierbarer Drahtschlaufe, an deren hinterem Ende sich der Dämpfer befindet.

Provenienz: Erwerb 2004 für die Sammlung Dohr bei einem Antiqutätenhändler in Berlin.

Literatur:

  • Eberhard Poppek: Cembalo. Ausführliche Anleitung zum Selbstbau eines klavierähnlichen Musikinstrumentes aus dem 18. Jahrhundert. Mit 8 Abbildungen und 3 Bauplänen (Wie baue ich mir selbst? Band 271). Leipzig: Herm. Beyer-Verlag o.J. (1936) [Es handelt sich um die Bauanleitung für ein dem Neupertschen Cembalino sehr ähnliches Instrument, allerdings ca. 33% größer und ohne einklappbare Klaviatur!].
  • Hanns Neupert: Das Clavicyterium einst und heute. in: Musica 1958, S. 333ff.
  • J.C. Neupert (Hg.): Behandlungsanweisung für Neupert-Cembalino. 2 Bll. hektographiert (ca. 1960).
  • Hanns Neupert: Die Behandlung moderner Cembali, Spinette und Klavichorde. Ausgabe 1960/61. Sonderdruck Bamberg: Neupert 1960 [darin S. 27-32: Die Behandlung des Neupert-Cembalinos].
  • J.C. Neupert: Behandlungsanweisung für Neupert-Cembalino. 2 S. masch. [beschreibt ein Instrument mit einem auf beide Register wechselweise wirkenden Lautenzug].
  • Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 9. Aufl. Frankfurt/Main 1999, S. 214f.
  • Edward L. Kottick: The "Serien" Builders: Ammer, Neupert, Wittmayer, and Sperrhake. in: ders.: A History of the Harpsichord. Blomington & Indianapolis: Indiana University Press 2003, S. 450 f.