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Christoph Dohr

aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I043

1952 | einmanualiges Cembalo "Ruckers" Gebr. Ammer (Eisenberg) # 743

  • Namensschild auf Vorstecker: "Ammer"
  • Breite: 104 cm
  • Gesamthöhe: 93 cm (Beine abschraubbar)
  • Länge: 216 cm
  • Umfang: F1–f3 = 5 Oktaven
  • Untertastenbelag Bakelit schwarz, Obertasten Zelluloid weiß
  • Disposition: 8', 4', Laute auf 8'
  • Holzspringer mit Lederbekielung; Dämpfung (Filz mit Messinghalter) am Springer
  • Schaltung mit Handschiebern (kein Pedal)
  • Rastenbauweise,
  • geschlossener Unterboden mit drei handtellergroßen "Schallöffnungen"

 

Ein wenig Licht in die Geschichte[n] der vier "Ammer"-Firmen:

(1) Josef Ammer wurde am 27. Mai 1887 in München geboren. Er lernte Tischler und war mindestens seit 1913 als selbstständiger Meister in Eisenberg tätig. Die von Josef Ammer 1920 in Eisenberg gegründete Pianofabrik stellte erstmals zur Leipziger Herbstmesse 1923 Pianos aus. Josef Ammer baute keine historischen Tasteninstrumente. Seine Klavierbetrieb ging zu Beginn der 1930er ein; er baute fortan nur noch Möbel. Josef Ammer starb in den 1960er Jahren.

(2) Die Großneffen von Josef Ammer, Alois und Michael Ammer, gründeten 1929 unter der Firmierung "Gebr. Ammer" eine Spezialwerkstatt zum Bau von historischen Tasteninstrumenten in Eisenberg/Thüringen. Sie waren nie im Betrieb ihres Großonkels tätig, sondern hatten dort in ihrer Anfangszeit lediglich einen Raum gemietet. Die beiden Brüder starben innerhalb einer Woche im Januar 1946; nach dem Tode führten zunächst die beiden Witwen den Betrieb fort; 1951 Firmierung zur Ammer KG.

Im Januar 1957 übernahm Renate Ammer (*April 1937, Tochter von Michael Ammer) nach einer dreijährigen Lehre zur Cembalo-Baumeisterin die Geschäftsführung der Ammer KG. Ammer-Cembali wurden - wie in jener Zeit branchenüblich - in industrieller Bauweise (Rastenrahmen, starker Saitenbezug etc.) und gemäß der Nachfrage in zum Vergleich mit heutigen Fertigungszahlen hohen Stückzahlen gefertigt. Bis zur Einleitung der Enteignung bwz. Zwangs-Verstaatlichung (1972) wurden 2540 Spinette, Cembali und Klavichorde (jedoch keine Hammerflügel) von Ammer gebaut; die Verstaatlichung wurde durch Löschung der KG und die Eingliederung des Betriebs in das DDR-eigene "VEB-Möbelkombinat Eisenberg" im Jahre 1973 abgeschlossen. Alle Akten mussten im Betrieb verbleiben, so dass die Firmengeschichte heute lediglich aus Erinnerungen von Renate Ammer rekonstruiert werden kann. Das Recht an der Marke "Ammer" wurde fortan vom Staat wahrgenommen: In der Phase des verstaatlichten Betriebs wurden der Name "Ammer" und die fortlaufende Nummerierung beibehalten; es wurden mit verminderter Produktivität und Qualität ca. 1200 weitere Instrumente fertiggestellt. Die Produktion endete 1992 mit Instrument Nr. 3728.

(3) Cembalobauer Jürgen Philler heiratete im Jahre 1971 Renate Ammer und nahm ihren Familiennamen als den seinigen zwecks Fortführung der Ammer-Traditionslinie an. Renate und Jürgen Ammer unternahmen 1974 in Leipzig-Wiederitzsch einen Neuanfang als kleiner Handwerksbetrieb, der historische Tasteninstrumente in enger Anlehnung an erhaltene Originalinstrumente baute (Betrieb wurde 1988 aufgelöst; 1988 Flucht von Renate Ammer nach Westdeutschland; Ausweisung von Jürgen Ammer aus der DDR). Renate Ammer wurde danach nicht mehr als Instrumentenbauerin tätig und lebt heute (2008) in Hamburg.

(4) Jürgen behielt nach der Scheidung 1984 von Renate Ammer nach DDR-Recht den Nachnamen "Ammer" bei. Jürgen Ammer begründete ca. 1989 (1990?) einen neuen Handwerksbetrieb zunächst in Kassel. Es schloss sich eine Zeit in Trendelburg an (Firmierung: JUERGEN AMMER. Historische Tasteninstrumente • Domane 2 • D-34388 Trendelburg), während der er die Meisterprüfung zum Klavier- und Cembalobauer ablegte; seit 2001 ist der Handwerksbetrieb im hessischen Schauenburg (Firmierung: JUERGEN AMMER. Historische Tasteninstrumente • Langenbergstraße 9 • D-34270 Schauenburg-Breitenbach; nahe Kassel) angesiedelt und baut sowie restauriert historische Tasteninstrumente. Die Fertigungsrate liegt bei ca. zwei bis drei Neuinstrumenten pro Jahr.

Ein französischer Informant:

«J'ai réussi à joindre Herr Jürgen Ammer en personne, qui a pris le temps de répondre à toutes mes questions. [...]

Ammer est un atelier de facture anciennement basé à Eisenberg en Türinge, qui a fabriqué beaucoup d'instruments de série, non seulement clavecins, épinettes et clavicordes, mais également des pianos. L'atelier Ammer, qui fut parmi les "redécouvreurs" du clavecin au début du XXè siècle, a également été dans le "lot germanique" des bidouilleurs essayant de moderniser les instruments anciens avec des gadgets issus de la facture du piano, notamment les cadres en métal, les cordes ultra-tendues, les pédaliers, etc, ce qui lui a valu de fournir quasiment tous les orchestre nationaux des pays de l'Est après guerre. En parallèle de ces "recherches" visant à améliorer les vieux instruments, Ammer a également lancé une gamme de copies d'instruments historiques, en s'autorisant toutefois certaines petites modifications. [...]

Pour la petite histoire, les ateliers Ammer sont restés dans la famille depuis leur création en 1929, d'abord avec Gebr Ammer, puis Mickael & Alois Ammer à partir de 1946;  à partir de 1972 la crise de la facture finit par pousser l'atelier vers les fusions par lesquelles tous les facteurs ont dû passer ... jusqu'à l'arrêt de la production en 1992. C'est Jürgen Ammer qui conservera l'héritage culturel familial en créant son propre atelier, uniquement tourné vers des instruments plutôt haut-de-gamme de facture traditionelle.» (Quelle: www.clavecin-en-france.org, Diskussionsbeitrag vom 23.07.2006)

Kurzcharakterisik: Dieses einmanualige Cembalo Modell „Ruckers“ (Seriennummer 743, vorne rechts auf Stimmstock) der Sammlung Dohr wurde in der Fa. Ammer in Eisenberg/Thüringen bis zum Anfang der 1960er Jahre in Serie gebaut (Auskunft Jürgen Ammer). Tastenbeläge aus Kunststoff waren in der DDR aufgrund des Mangels an Edelhölzern bei historischen Tasteninstrumenten auch noch weit nach 1950 üblich (Auskunft Renate Ammer). Datierung auf "kurz nach 1950" nach Rossbach, Pianonummern sowie aufgrund der Einordnung von Renate Ammer. Auffrischung des Korpus, Neubekielung (Leder), Regulierung und Neuintonation durch J. C. Neupert, Bamberg 2010.

Provenienz: Erwerb 2009 für die Sammlung Dohr über ebay aus Privatbesitz, Quedlinburg

Literatur:

  • Christian Ahrens u.a. (Hg.): 170 Jahre Klavierbau in Eisenberg/Thüringen. Frankfurt/Main 1993, S. 80ff.
  • Hubert Henkel, Art. Ammer, Josef, in: ders., Lexikon deutscher Klavierbauer, 1. Aufl. Frankfurt/Main 2000, S. 19 [vermengt irrig die beiden Firmen Josef Ammer und Gebr. Ammer zu einer].
  • Edward L. Kottick: The "Serien" Builders: Ammer, Neupert, Wittmayer, and Sperrhake. in: ders.: A History of the Harpsichord. Blomington & Indianapolis: Indiana University Press 2003, S. 450 f.
  • Jan Großbach, Atlas der Pianonummern, 10. Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 35 [listet korrekt vier verschiedene "Ammer"-Firmen auf; gibt ein wohl falsches Produktionsende für Josef Ammer an]
  • weitere Quellen: www.clavecin-en-france.org [Diskussionsbeitrag vom 23.07.2006; enthält zahlreiche Fehler; Stand vom 23.01.2008]; die Liste von Großbach unvollständig online unter http://www.bodenseestimme.de/kdr/liste/a.htm usw. [Link geprüft 26.01.2008]; tel. Auskunft von Jürgen Ammer, Schauenburg, 22.01.2008; pers. Gespräch mit Wolf Dieter Neupert, Bamberg, 26.01.2008; tel. Gespräch mit Renate Ammer, Hamburg, 26.01.2008.