Oliver Drechsel konzertiert in Haus Eller

Hammerflügel

Tafelklaviere

Kielinstrumente

Pianos

Sammlung Dohr
Pianomuseum Haus Eller
Historische Tasteninstrumente

Fortepianos

Square Pianos

Harpsichords

Pianos

© 1998-2019 by
Christoph Dohr

aktualisiert
Dienstag, 10.09.2019 9:40

I047

1977 | Hammerspinet #325 Steen Nielsen (Kopenhagen/Dänemark)

Herstellerfoto: www.steennielsenpiano.dk

 

  • kein Vorstecker; Name auf Innenseite Tastendeckel, der zum Notenpult wird: "[Emblem] / Steen Nielsen / Hammerspinet / patent"
  • Länge: 115 cm
  • Breite: 95 cm
  • Gesamthöhe: 80 cm
  • Korpus Teak(?)furnier auf Pressspanplatte; Korpushöhe 23 cm (vorne im Bereich der Tastenklappe, die in den Korpus eingelassen ist) bzw. 24 cm (im Bereich des Deckels, der auf dem Korpus aufliegt); offener Boden (Rastenkonstruktion)
  • vier Beine mit rechteckigem Grundriss, paarig zu Beingestellen zusammengefasst und mit je zwei Schrauben (metrische Gewinde) am Korpus befestigt; die Instrumenten-Nummer 325 findet sich jeweils auf der Oberseite des Rahmens eingeschlagen.
  • ein Manual, Klaviertasten-Mensur und -Optik; Untertasten weiß, Plastik; Obertasten schwarz, Plastik
  • gusseisener Rahmen mit drei Spreizen
  • je zweiteilige Hebel-Oberdämpfung (Dämpfer keilförmig), Dämpfung bis d3
  • Umfang: A1–a3 = 5 Oktaven
  • Gewicht: 68 kg
  • 1 Register: 8'; einchöriger, geradsaitiger Bezug; von A1–h Basssteg, umsponnene Saite; von c1–a3 Diskantsteg, blanke Stahl-Saite.
  • 45mm hohe und 30 mm breite Klangstege aus Multiplex; moderne Klavierwirbel
  • 2 Pedale (von links) in vorderem Zweibeingestell: "Piano" = Abstandsverringerung Hammer <-> Saite, "Forte" = Dämpfungsaufhebung
  • Schiebehebel, unter dem Korpus: durch Schub wird der Spinett-Effekt eingeschaltet.

Das von Steen Nielsen gebaute "Hammerspinet" [sic] ist zwar nicht - wie es die Bezeichnung nahelegen könnte - ein Kielinstrument, sondern ein Hammerflügel mit Zusatzregister in Miniaturform, wird jedoch aufgrund des Selbstverständnisses seines Erbauers, vor allem aber aufgrund der Tatsache, dass es sich in die Tradition "historischer" bzw. "historisierender" Tasteninstrumente des 20. Jahrhunderts nahtlos einfügt, hier aufgeführt. Das Gehäuse verzichtet in seiner Linienzeichnung vollständig auf Rundungen (einzig geschwungen bleiben die beiden Pedale ...) und löst zudem die gestalterischen Konventionen der Beine zugunsten gestreckter Rechteckgrundflächen auf. Das Instrument weist zahlreiche instrumentenbauliche Besonderheiten auf, die es würdig für die Aufnahme in eine Instrumentensammlung machen und die es nachfolgend aufzuzeigen gilt:

Mechanik. Die Mechanik kombiniert Elemente von Oberschlägigkeit mit Unterschlägigkeit und kann mit einem gewissen Recht als "rundschlägig" bezeichnet werden.

  • Typisch für die Oberschlägigkeit (vgl. in der Sammlung Dohr das Tafelklavier Jean Henri Pape, Paris 1835, den Konzertflügel Theodor Stöcker, Berlin 1868, und das Pedalklavier Neufeind, Berlin ca. 1910) ist die Beobachtung, dass sich die Klaviaturebene oberhalb des Saitenbezugs befindet; die Klaviatur "reitet" also auf dem Bezug.
  • Es gibt keinen Waagebalken; die Taste ist vielmehr an ihrem Ende drehend gelagert und wird mittels einer Feder wieder in ihre Ruheposition gebracht, d.h. von unten an eine mit Filz garnierte Leiste gedrückt.
  • An der Tastenunterseite ist im Bereich der Vordertaste ein Stößer nach Art einer Stoßmechanik mit einfacher Auslösung angebracht. Die Auslösung geschieht, indem ein am Stößer befindlicher regulierbarer Ausleger an einer schrägen Leiste abgleitet.
  • Der weitere, vom Stößer angeregte Teil der Mechanik besteht lediglich aus dem Hammer, dessen Kopf mit Leder garniert ist. Der Hammer befindet sich nun unterhalb der Ebene des Saitenbezugs und schlägt die jeweilige Saite von unten an.
  • Ein zweiter, ebenfalls regulierbarer Stößer sitzt weiter hinten unter der Taste und drückt den als Wippe ausgebildeten Dämpferhebel nach unten, was ein Abheben der Dämpfung von der jeweiligen Saite bewirkt.
  • Es handelt sich somit um eine archaisch einfache Hammerflügelmechanik, die lediglich vier beim Spiel bewegte Teile aufweist: (1) Taste; (2) Stößer; (3) Dämpferhebel; (4) Hammer.

Stimmung. Indem die patentierte Mechanik den Stimmstock dreiviertelkreisförmig umfasst, müssen für Bezug und Stimmung ebenfalls neue Lösungen gefunden werden.

  • Es gibt es keine Möglichkeit mehr, den Bereich des Stimmstocks als solchen zu benutzen, da (1) dort befindliche Wirbel nicht mehr erreichbar wären; (2) die Mechanik keinen Platz für einen Stimmstock lässt: Der Stimmstock verkümmert zur (gusseisernen) Anhangleiste. Die Anhangleiste wird zugänglich, (1) nachdem die vorderen Gehäuseoberteile demontiert und die entsprechenden Tasten einzeln nach oben geklappt werden, oder (2) nachdem der Klaviaturblock ausgebaut wurde.
  • Das Instrument ist hinterstimmig konstruiert: Die Wirbel und damit der unterhalb des Gussrahmens angeordnete Stimmstock (Multiplex) befinden sich entlang der rechten Gehäusezarge. Zum Stimmen muss eine recht umständliche und kaum von einer Person allein durchzuführende Teildemontage des Instrumentes durchgeführt werden: "Vor der Stimmung. [A] Den Deckel abmontieren. [B] Die [Tasten-]Klappe abmontieren: 1. 2 Schrauben im Beschlag der rechten Seite der Klappe abschrauben. 2. Die Klappe aus dem linken Zapfenloch ziehen. Stimmen Sie den Bass mit der linken Hand zur linken Langseite." (Anweisung, s.u.)
  • Im Gegensatz zu den Bautraditionen ist das Instrument lediglich einchörig besaitet. Die Effekte doppel- bzw. mehrchöriger Besaitung entfallen. Damit ist es unmittelbar verwandt mit den von Hutzelmann entwickelten Kleincembali (siehe oben), die zudem ebenfalls gusseiserne Rahmen bei vergleichbaren Instrumentenabmessungen besitzen.
  • Das Instrument besitzt trotz seiner stabilen Rastenkonstruktion und trotz der recht geringen Gesamtzugbelastung (lediglich 61 Saiten) einen gusseisernen Rahmen; Rastenkonstruktion und Rahmen machen das Instrument mit 68 kg recht schwer; umgekehrt braucht das Instrument nur recht selten gestimmt zu werden, so dass die Umständlichkeit des Stimmvorgangs nicht besonders groß ins Gewicht fällt.

Weitere Besonderheiten. Von der Mechanik her handelt es sich um einen einchörig bezogenen Hammerflügel, der mit der Belederung der Hammerköpfe historischen Vorbildern folgt. Durch einen versteckt angebrachten

  • Das Instrument weist einen ungewöhnlichen, weil unhistorischen Tastaturumfang auf; der Ambitus umfasst zwar fünf Oktaven; diese erstrecken sich allerdings nicht - wie es bis 1800 üblich war, von F1–f3, sondern von A1–a3. Damit knüpft Nielsen an die siebenoktavigen Klavier- und Flügel-Ambitus (A2–a4) aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, die er in der Höhe und in der Tiefe um je eine Oktave reduziert. Speziell für diesen Ambitus gibt es jedoch keine eigens komponierte Literatur.
  • Zur Erzeugung des "Spinett-Effektes" schiebt sich je ein speziell geformtes Plastikteil (Nielsen nennt diese Teile "Spinet[t]-Zungen") zwischen Hammerkopflinie und Saiten. Die "Zungen" haben an der der Saite zugewandten Oberseite einen schmalen Grat in der Breite eines Kieles. (In der Mittellage gibt es zwei Grate, wobei ein Grat angeschlagen und der ca. 15 mm benachbarte Grat wohl bestimmte ergänzende Nebengeräusche im Augenblick des Anschlages produzieren soll.) Bei geschaltetem "Spinett"-Zug schlagen die Lederhammerkopfe von unten gegen die Zungen, diese wiederum die Saiten an. Der sich ergebende Klangeindruck ist demjenigen eines Cembalos frappierend ähnlich - mit dem Unterschied, dass der Anschlag beim "Hammerspinet" dynamisch moduliert werden kann.
  • Zur Namensgebung: Das "Hammerspinet" weist Cembalo- bzw. Flügelform auf. Als "spinet" lässt sich gemäß Columbia Encyclopedia allerdings auch ein einchöriges Kleincembalo bezeichnen: "[...] the terms virginal and spinet [...] usually referred to small instruments having one keyboard, one string to each note [...]"
  • Mit dem "Spinett"-Zug knüpft Steen Nielsen an das erste Viertel des 19. Jahrhunderts, als im Klavierbau "Veränderungen" (Fagott-Register, Janitscharen-Züge etc.) Mode waren, an. Der "Spinett"-Zug ist wohl konstruktionsbedingt ein wenig versteckt am Instrumentenboden angebracht. Eine Betätigung bei laufendem Spiel im Sinne eines "Registerwechsels" kommt daher eher nicht in Betracht.

Kommentar: Die Mechanik ist auf besondere Weise "genial" und schafft eine Synthese von 200 Jahren Klavierbautradition: Die robuste, rund ein Jahrhundert lang gebaute, aber ebenso lang in Vergessenheit geratene englische Mechanik kombiniert sich mit Elementen der Oberschlägigkeit, die eine in der Gesamtkonstruktion sehr hochliegende Klaviatur und damit eine niedrige Gesamtbauhöhe (Zargen-/Korpushöhe lediglich 23 cm; Instrumentenhöhe lediglich 82 cm) trotz Hammermechanik ermöglicht. Der Ton ist überraschend voluminös, grundtönig, volltönend, tragend. Die geringe Länge rechtfertigt sich durch die Ambitusverschiebung; größtes Manko ist die Hinterstimmigkeit, die lediglich durch den einchörigen Bezug (Verkürzung der aufwändigen Stimmung) etwas kompensiert wird. Die Hinterstimmigkeit, zudem die Einmaligkeit der Mechanik, wird eine weite Verbreitung der Instrumente verhindert haben. Wie viele Instrumente heute noch in Privatbesitz befindlich sind, ist unbekannt. Das Exemplar der Sammlung Dohr ist das bisher einzige öffentlich zugängliche Exemplar dieser Bauart.

Telefonat am 30. August 2008 mit Jörgen Steen Nielsen (www.steennielsenpiano.dk), dem Sohn des Erfinders: Steen Nielsen baute von ca. 1965 bis ca. 1980 rund 400 Exemplare "Hammerspinet", die eine eigenständige Nummernfolge aufweisen. Es existiert noch das Auslieferungsbuch (#325 wurde 1977 gefertigt und an ein Möbelgeschäft in Kopenhagen verkauft). Der Verkaufspreis im Jahre 1980 betrug DK 15.000,--, was damals ca. DM 4.000,-- entsprach.

Marc Widuch (www.faszinationklaviere.de), aus dessen Sammlung das Instrument für die Sammlung Dohr im Sommer 2008 angekauft wurde, beschrieb das Instrument in der Verkaufsanzeige wie folgt: "Dieses Instrument [...] ist eine interessante Kombination von Spinet[t] und Flügel, da es einen Gussrahmen, die Saitenführung und umsponnene Basssaiten wie ein Flügel hat - jedoch durchgehend nur eine Saite pro Ton. Dies im Zusammenspiel mit der patentierten Mechanik sorgt für den kräftigen reinen Ton, der für dieses Instrument einzigartig ist. Der Klang kann mittels Zug eingestellt werden zwischen Spinet[t] und Flügel(-ähnlich). [...] Insgesamt also eine gut spielbare Rarität für Sammler und Liehaber kurioser Instrumente.[...]."

http://www.precisionpianoservices.com/pianosrestored.shtml (Aufruf 01.01.2009; hier als pdf gesichert) schwärmt von "a superb example of unique and complicated engineering" und führt für das Hammerspinet die Bezeichnung "hybrid piano" ein.

Provenienz: Erwerb August 2008 aus der Sammlung Marc Widuch, Weil

Nacheigentümer: Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf (2019)

Literatur: keine! Das Hammerspinet ist bisher von der Literatur nicht beachtet worden.

ergänzende Informationen: Telefonat mit dem Sohn des Erfinders, Klavierbaumeister Jörgen Steen Nielsen (Valløby/ Køge/Dänemark); "Anweisung für Instrumentenmacher. Wartung vom Hammerspinet Steen Nielsen". Gedrucktes Faltblatt aus der Entstehungszeit des Instruments.

© Steen Nielsen: Hammerspinet Mechanik

Legende zur Mechanik-Schnittzeichnung:

"Mechanik für Hammerspinet Steen Nielsen
Patent: England, Deutschland, Schweden, Dänemark

  1. Taste-Feder-Stellschraube. Taste 1-2 mm über die Klaviaturvorderstifte.
  2. Tastenhöhe-Stösserluft-Stellschraube. Einheitliche Tastenhöhe. Wenigstens 1/2 - 1 mm Stösserluft.
  3. Auslösepuppe und -Schraube. Auslösung[,] wenn der Hammerkopf die Spinettzunge (s) leicht berührt. Es ist notwendig[,] die Stösser mit einem Finger leicht zu berühren (3a).
  4. Hammerkopf-Fänger-Stellschraube. Bei festem Anschlag der Taste soll der Hammerkopf ca. 30 mm von der Saite fangen.
  5. Die einzelnen Dämpfer sollten beim Niederdruck der Taste abheben[,] wenn der Hammerkopf ca. 15 mm von der Saite entfernt ist.
  6. Dämpfer-Abheben-Stellschraube. Die Schraube ganz herausschrauben bei Abmontieren der Dämpfer.
  7. Stellschraube für Abstand der Spinetzungen von der Saite ca. 2 mm. Ein wenig mehr im Bass.
  8. Befestigungsschraube für Hammerbalken. 8a: Wichtig! Stellschrauben. Nicht berühren!!

Demontage der Mechanik

  1. Abmontieren der [Tasten-]Klappe (siehe Anweisung "Vor dem Stimmen".
  2. Abmontieren der Schlossleiste (die 2 Messingschrauben abschrauben).
  3. Abmontieren von Klaviaturbacken und Notenpultleiste.
  4. Klaviaturrahmen mit Schrauben im Vollpanzerrahmen befestigt.
  5. Dämpfer. Schraube Nr. 6 abschrauben. Halterbefestigungsschraube lösen und Halter an der Diskantleiste drehen. Dämpfer abnehmen.
  6. Hammermechanik im Vollpanzerrahmen mit 3 (und nur 3) Schrauben befestigt (siehe 8a)."