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aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I064

1956 | Cembalo zweimanualig Modell "Cristofori" J. C. Neupert (Bamberg) #18786

Cembalo zweimanualig Modell "Cristofori" J.C. Neupert Bamberg / Nürnberg #18786 (1956)

J.C. Neupert: Zeichnung des "O.K. Springers" mit "Silbertonkiel"

J. C. Neupert: Werbemappe (vor 1956)

  • Ambitus [Klaviatur-Umfang]: C-f3 = 4 1/2 Oktaven [notabene: J. C. Neupert warb in seinen Broschüren bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts mit der Angabe des "Tonumfanges". Aufgrund des 16'- und des 4'-Registers ergibt sich bei diesem Modell ein "Tonumfang" von C1-f4 = 6 1/2 Oktaven, der jedoch spielpraktisch nicht von Relevanz ist]
  • Ausführung in Sapeli-Mahagoni [diese Ausführung zählte lt. Modellliste von 1956 neben Nußbaum und Rüster zu den "normalen" Ausführungen ohne Preis-Aufschlag]
  • Länge: 183 cm; Breite 95 cm; Gewicht: 124 kg
  • zwei Manuale, fünf Pedale, vier Handzüge, "O.K.-Springer" mit "Silberton"-Bekielung
  • Register Untermanual: 8'1, 16', 16'-Laute (Neupert: "Theorbe")
  • Register Obermanual: 8'2, 4', 8'2-Laute
  • Untertastenbelag schwarz, Obertasten weiß (beides Kunststoff)
  • Pedale (von links): 8'1, 16', Koppel II/I, 4', 8'2; Alle Pedale wirken positiv, d.h. sie schalten durch Treten das betreffende Register ein. In der oberen Stellung (ungetreten) sind die Register ausgeschaltet. In der unteren Stellung lassen sich die Pedale durch eine kleine Verschiebung nach außen rasten.
  • Handzüge (links im Vorsatzbrett): 8'2-piano, 8'2-Laute; (rechts im Vorsatzbrett): 16'-Laute; 8'1-piano. Die Lauten- und piano-Züge wirken durch Herausziehen; die Wirkung der piano-Züge kann durch einen mit Riffelschraube verstellbaren Schlitten nachgestellt werden.
  • Holzrastenbauweise mit offenem Unterboden, ohne Gußrahmen
  • drei sich konisch verjüngende Beine mit quadratischem Grundriss und Messing-Flügelrollen.
  • Jedes Register hat seine eigene, durch Stellmuttern und Kontermuttern in der Höhe einzeln justierbare Dockenleiste aus unterseitig mit Filz garniertem Messing. Diese vier - zudem verschieden hoch montierten - Dockenleisten verhelfen dem Instrument zu einer pittoresken Optik. Ebenfalls ins Auge sticht die farbliche Fassung der Knöpfe der piano-Züge und der bewusst den Zeitstil aufgreifende Schriftzug "Neupert", der nicht wie üblich mittig, sondern wie an einem PKW-Heck [bzw. an der damaligen PKW-Armaturentafel] rechts seitlich am Vorsatzbrett appliziert ist. Das Instrument hebt sich damit bereits auf den ersten Blick von historischen Cembali ab und möchte bewusst "modern" sein.

Wie das Spinett Modell "Silbermann" von J. C. Neupert, von dem sich ebenfalls ein Exemplar in der Sammlung Dohr befindet, wird auch dieses von J. C. Neupert entworfene Modell [Rastenbauweise] mit geringen Modifikationen seit rund 75 Jahren angeboten. Das Modell besitzt heute keine piano-Züge mehr und wird zwar noch wahlweise mit Holz- oder Plastik-, nicht jedoch mit O.K.-Springern angeboten.

Der Listenpreis 1956 betrug DM 7.350,-- (inkl. 14% MWSt.), 2010 € 28.130,-- (inkl. 19% MWSt.)

Die Instrumenten-Nomenklaturen sind reine "Modell-Bezeichnungen" und korrelieren nicht mit historischen Instrumenten, erst recht nicht mit solchen aus den Werkstätten von Silbermann oder Bartolomeo Cristofori.

Kurzbeschreibung: zweimanualiges Hausmusikinstrument, das bei einer geringen Länge von lediglich 183 cm zwei Manuale und vier Register (darunter einen 16' im unteren Manual) sowie weitere Spielhilfen bzw. Hilfsregister anbietet.

Kommentar: Im Rahmen einer Cembalo-Bau-Geschichte des 20. Jahrhunderts sammelwürdig wird dieses Cembalo als Beispiel für die von J. C. Neupert so benannten "O.K.-Springer mit Silberton-Kielen". Besonders der Fa. Neupert werden heute diese und andere "Verrücktheiten", die nicht mit historischer Fertigung zu tun haben, vorgeworfen. Dies geschieht jedoch aus heutiger Warte und tut den damaligen Instrumentenbauern Unrecht, war es doch gerade bei der Renaissance der historischen Tasteninstrumente im 20. Jahrhundert so, dass die Forderung von möglichst leicht spielbaren, stimmstabilen und wartungsarmen Instrumenten von den Instrumentalisten kam. So übertreffen sich in einer achtseitigen Werbebroschüre verschiedenste Musiker/innen wie Günther Ramin, Li Stadelmann, Fritz Neumeyer, Irmgard Lechner u.a.m. im Lob der Neupertschen technischen Innovationen. Fazit: Der Neupertsche Cembaloklang entspricht dem Klangideal der Zeit, und es wird begrüßt, dass "Erfindungen" die "Störungsfaktoren" ausgeschaltet haben. Neupert schuf in den Augen der Zeitgenossen das "unbedingt funktionierende Cembalo mit einer vollkommenen Spielmechanik ohne Einbuße seines Cembalo-Klanges".

Der OK-Springer hat optisch nur wenig mit seinem historischen Vorbild gemein. Die Unterschiede fallen direkt ins Auge: [1]  Fertigung aus Leichtmetall - vollständiger Verzicht auf hölzerne Bauteile; [2] auffallend langgezogene, runde Form, wobei die Rundung aus Gründen der Festigkeit gegenüber Verdrehen stellenweise abgeplattet ist; [3] zwei federunterstützte Handregulierungsschrauben an beiden Springerenden, die obere zur Regulierung der Untergrifftiefe des Kieles, die untere als Pilote zur Höhenregulierung des Kiels. Unabhängig von "Empfindlichkeiten" gegenüber der Nicht-Historizität einer derartigen erfindungsreichen, patentierten Neuformung eines zentralen Bauteils im Instrument ist aus der Sicht des Praktikers (und nüchtern betrachtet) vor allem die obere Handregulierungsschraube zu begrüßen: Das Instrument wird ohne mühsames Herausnehmen des Springers regulierbar.

Das Modell "Cristofori" kombiniert Zeitgeschmack mit Verkäuflichkeit aufgrund der Konfektionierung der Instrumentenlänge auf unter 2 m, was besonders im Bass zu einer deutlich verkürzten Mensur zulasten des Klanges geht. Gegenüber dem großen Neupertschen Konzertcembalo "Bach" (mit dem das "Cristofori" Manual-, Pedal- und Anzahl der Züge gemein hat!) wurde zudem die Breite verringert, indem der Ambitus auf 4 1/2 Oktaven beschnitten ist.

Das Modell "Cristofori" entstammt der Phase, in der sich der Bau historischer Tasteninstrumente am weitesten von der heute als allein statthaft empfundenen (modifizierten) Kopiatur historischer Originale entfernt hatte.

Das 4'-Register befindet sich nicht im Untermanual, sondern nun im Obermanual - eine deutliche Veränderung gegenüber der sog. historisch belegten "Bach-Disposition", die drei Register im Unter- und ein Register im Obermanual aufweist. Der 4' kann jedoch über die Manualkoppel in das Untermanual geholt werden und damit auf einem "Umweg" den vollen 16'-8'-4'-Klang ermöglichen.

Provenienz: Das Instrument wurde im Frühjahr 1956 von Studienrätin H. Simons (Flensburg) bei J. C. Neupert bestellt. Die Fertigungsdauer betrug drei Monate; Auslieferung war im Juli 1956 (Rechnung vom 03. Juli 1956 über 7.150 Mark inkl. Skonto; lt. erhaltener Korrespondenz bereitete das Instrument von Anfang an Probleme (Nebengeräusche, klemmende Springer etc.), die jahrelang unbehoben blieben. Das Instrument wurde ca. 1981 zum letzten Male durch die Fa. Rumler Bonn umfassend gewartet. Die Erben der Erwerberin übereigneten das Instrument dereguliert und mit einigen wenigen fehlenden Teilen im Frühjahr 2011 der Sammlung Dohr / Pianomuseum Haus Eller.

Literatur: siehe die Angaben zu den jüngeren Neupert-Instrumenten; zudem beim Instrument befindlich: Schriftwechsel aus den Jahre 1956/59 mit J. C. Neupert bzgl. Kauf und Mängeln; 1981/83 bzgl. Generalüberholung und Leihvertrag des Instrumentes; Broschüre Hans Neupert: Die Behandlung moderner Cembali, Spinette und Klavichorde. Sonderdruck Bärenreiter-Verlag Kassel o.J. mit eingeklebter masch. Durchschlagskopie mit Spezifikationen zum Modell "Cristofori"; Faltblatt Technische Einzelheiten und kurze Anweisung zur Behandlung von Neupert-Cembali mit Pedalen, O.K.-Springern und Silberton-Kiel, o.J.; Werbemappe Neupert Klavichorde Spinette Cembali sind führend in der ganzen Welt! mit acht Einlageblättern [unvollständig] mit einliegender Kleinbroschur Die Vollendung: O.K.-Springer mit Neupert Silberton-Kiel, 8 S., Bamberg u. Nürnberg o.J.