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aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I087

1935 | Tafelklavierchen Hans Eberhard Hoesch (Hagen-Kabel) #15, nach Walter & Sohn (Wien, ca. 1805)

Tafelklavierchen Hans Eberhard Hoesch (Hagen-Kabel) #15
Tafelklavierchen Hans Eberhard Hoesch (Hagen-Kabel) #15
Tafelklavierchen Hans Eberhard Hoesch (Hagen-Kabel) #15

ferner zwei Scans aus dem Programmheft der "Kasseler Musiktage" von 1936
(mit herzlichem Dank an Jan Großbach für die Recherche):

aus dem Programmheft der Kasseler Musiktage von 1936
aus dem Programmheft der Kasseler Musiktage von 1936

 

  • Breite: 1125 mm (inkl. Deckel; ohne: 1110 mm)
  • Tiefe: 435 mm (inkl. Deckel; ohne: 430 mm)
  • Korpushöhe inkl. Deckel: 200 mm (ohne 190 mm)
  • Gesamthöhe inkl. Beine: 780 mm
  • Untertasten, Belag Elfenbein, 124 mm sichtbare Länge
  • Obertasten, Ebenholz, 85 mm sichtbare Länge
  • Stichmaß 467 mm.
  • Umfang: F1 – f3 = fünf Oktaven, 61 Tasten, Tastenhebel durchgenummert; Tastenhebel hinten ausgebleit, Ausbleiungen z.T. oxidiert und dadurch gequollen, in der Folge Spaltriss im Tastenhebel von F1.
  • Bezug: durchgängig einchörig (61 Saiten). Messing umsponnen F1-; Messing blank -; Stahl blank - f3; kleine Vierkantwirbel, angeordnet in 15 Viererreihen, einzeln gestellter Wirbel für f3.
  • Veränderungen: ein Kniehebel (links von der Mitte), Dämpfungsaushebung.
  • Gehäuse Kirsche mit eingelassener horizontal umlaufender intarsierter dunkler Ader unbekannter Holzart im Korpus. Vordere Ecken gebrochen. Vier Beine mit quadratischem Grundriss, sich nach unten verjüngend; die beiden vorderen Beine passend zu den gebrochenen Korpusecken um 45 Grad gedreht; die Beine sind mit Holzgewinden in Konsolen unter dem Instrumentenboden eingeschraubt.
  • Deckel dreiteilig; Vorderdeckel dabei symmetrisch über fast die gesamte Instrumentenbreite, bis zu den gebrochenen Ecken, reichend. Schloss bzw. Schlüsselloch mittig im Deckel
  • Vorsatzbrett/Vorstecker mit eingelassener Porzellan-Medaille "[Firmensignet Instrumentenwerkstatt Hoesch] / nach / Walter u. Sohn / in Wien", die die Optik der Medaille des Original-Instrumentes nachahmt. Mittig über dem Tastenfeld.
  • Notenpult klappbar, an der Rückseite des Vorsteckers angebracht; weitere Notenauflageleiste auf der Innenseite des Deckels. Das Instrument kann also sowohl bei geöffnetem Deckel wie auch bei geschlossenem Deckel mit Noten gespielt werden.
  • Stimmtonhöhe: "Ich möchte dabei doch kurz darauf aufmerksam machen, dass das Instrument auf den alten Kammerton A = 870 Schwingungen gestimmt werden muss [...]." [entspricht a'=435 Hz] Persönlich unterzeichnetes masch. Schreiben von Hans Eberhard Hoesch an die Käuferin "Fräulein R[...] M[...]" auf Firmenbriefbogen mit Signet der Werkstatt, datiert 2. Juli 1935 (beim Instrument befindlich); weiteres masch. Blatt mit Signet der Werkstatt, ohne Unterschrift, betitelt "Aufziehen der Saite", ebenfalls an die Käuferin des Instrumentes (der wohl wiederholt Saiten bei Stimmversuchen gerissen waren und die Ersatzsaiten von Hoesch zugeschickt bekam); Schlussatz: "Das Instrument darf nicht höher gestimmt werden, als 1/2 Ton tiefer wie heutiger Kammerton." [Das entspräche ca. 415 Hz.] Ferner beiliegend Briefumschlag DIN C 6 mit Signet der Werkstatt, darin mehrere Ersatzsaiten der Stärken Nr. 35 und Nr. 40.
  • Signierung: Das Instrument ist auf der Oberseite des Unterbodens unterhalb des Resonanzbodens gestempelt sowie von der Hand von Hans Eberhard Hoesch persönlich datiert und signiert. Ungefähr auf der Mitte des Unterbodens im Bereich der Mechanik-Schublade befindet sich von Bleistift die Zahl "15". Auf der Oberseite des Tastenhebels für F1 befindet sich in Bleistift ein dreizeiliger Reparaturvermerk: "3/8 90 div. Arbeiten / ausgeführt Saiten ersetzen / Chr. Pächtold [?] Stg. 1/2 Ton tiefer". Auf der Unterseite dieses Tastenhebels groß "15", ebenso an dieser Stelle in der Klaviaturschublade.
  • Mechanik: "hinterständige Stoßzungenmechanik; das heißt, die Hammerköpfe weisen wie bei der Wiener Mechanik nach vorne zum Spieler" (Langer S. 216, siehe Literatur) mit Wiener Kastendämpfung. Abbildung einer derartigen Stoßzungenmechanik eines Tafelklaviers von Walter & Sohn, Wien ca. 1805, bei Langer, S. 218.
  • Die [wohl auch an den Instrumentenboden an zwei Stellen anschraubbare] Klaviaturschublade liegt lose im Instrument und ist durch eine Leiste gegen Herausrutschen gesichert. Das Entnehmen der Klaviaturschublade nach vorne wird durch einen Drücker im Instrumentenboden, der die Klaviaturschublade über die Leistenoberkante hebt und damit die Leiste zu überwinden hilft (Züge links und rechts der Klaviatur), erleichtert. Vor der Entnahme der Klaviaturschublade ist der Dämpfungskasten hochzustellen. Dafür sind links und rechts klappbare Aufsteller angebracht.

Kurzcharakteristik: Diese sehr getreue Kopie eines Tafelklavierchens von Walter & Sohn (Wien) wurde in Kleinserie durch die Instrumenten-Werkstatt von Hans Eberhard Hoesch in Hagen-Kabel gefertigt. Es stellte in der Mitte der 1930er-Jahre eine anachronistische Besonderheit dar. Hans Eberhard Hoesch erwarb zunächst für seine Sammlung und Konzerte historische Original-Instrumente, um diese ab 1933 in Einzelstücken oder in Kleinserien zu kopieren und zu verkaufen. Insbesondere Kopiaturen von Tafelklavieren waren zu dieser Zeit noch äußerst selten. Auch die Genauigkeit und Originaltreue der Kopie stellte zum damaligen Zeitpunkt eine Besonderheit dar, waren doch Kopiaturen ohne "moderne klavierbauerische Zutaten" noch nicht marktüblich.

Das Original-Instrument, das Vorlage für diese Kopie gewesen sein könnte, befand sich bis mindestens 1985 in der Sammlung Hans Eberhard Hoesch Erben. Der Verbleib des Original-Instrumentes ist noch nicht geklärt. Die Sammlung Dohr besitzt seit 2015 die nachfolgend beschriebene, signierte und nummerierte Kopie aus der Instrumenten-Werkstatt von Hans Eberhard Hoesch, Hagen-Kabel 1935. Eine weitere Kopie befindet sich im Musikinstrumenten-Museum Lissberg (Oberhessen); eine dritte Kopie befindet sich in Hagen in Privatbesitz.

Literaturschau: Die bedeutende Rede von August Wenzinger, später als Aufsatz publiziert (siehe Literatur), bringt die vielen Facetten der Unternehmungen von Hans Eberhard Hoesch am besten auf den Punkt. Weitere Darstellungen stammen von Dieter Gutknecht (Habilitationsschrift) und - als Auftragswerk der Familie Hoesch - von Nikolaus de Palézieux. Dazu kommen Materialien aus Hagen selbst, die z.T. auch Dokumentar-Charakter haben.

Wenziger schreibt [S. 77]: "Das folgende Jahr [1932, CD] brachte eine Pause in den öffentlichen Veranstaltungen, dafür vermehrte Vorbereitungsarbeiten: Der Konzertsaal musste hergerichtet und die geplante Instrumentenwerkstatt im Anschluss an das Wohnhaus eingerichtet werden." [...]

Gutknecht schreibt zu Hoeschs Intentionen [S. 194]: "Aber Hoesch sammelte nicht nur Streichinstrumente. [...] Später gelangten ein originaler Walter-Flügel von 1780 und ein Walter-Hammerklavier in seinen Besitz, [...]: Instrumente, die Hoesch zu Klangstudien heranzog, auf denen er musizieren oder die er nachbauen ließ. [...]"

Palézieux ist (Kapitel "Interludium") ausführlicher, aber schwer zu lesen, da er sich gerne an Quellen entlangmoderiert, ohne die Fakten wirklich überblicksartig "auf den Punkt" zu bringen. Palézieux ergänzt [S. 110]: "[...] am 12. Februar 1933 [...] hatte seine Werkstatt für Instrumentenbau offiziell den Betrieb aufgenommen. Sie war seinem Wohnhaus im Hagener Vorort Kabel direkt angegliedert."

Wenzinger fährt fort [S. 77]. "Inzwischen war die Werkstatt eingerichtet und hatte ihre Tätigkeit aufgenommen. Zunächst sollten äußerst sorgfältige Kopien alter Tasteninstrumente angefertigt werden: ein kleines Cembalo nach einem Instrument von Ruckers aus dem Jahre 1627, ein grosses Cembalo nach den Plänen von Johann Georg Steingräber in Berlin, ein kleines Tafelklavier der Haydn-Zeit und der Hammerflügel von Anton Walter. Mit der Verpflichtung von Friedrich Ernst als Cembalobauer und Hugo Kraut als Klavierbauer waren zwei Meister tätig, die das Beste und Schönste im Instrumentenbau zu leisten vermochten. Zu ihnen gesellte sich bald Helge Torshoff, der Bruder von Frau Hoesch. Mit diesen Nachbauten wollte Hoesch den Liebhabern etwas Bleibendes, über den flüchtigen Eindruck hinaus, geben, wie er im Aufruf zur Werkstatt-Eröffnung schreibt: [...]."

Palézieux berichtet im Folgenden [S. 110-112] zunächst viel Atmosphärisches aus der und über die Werkstatt, dann aber auch [S. 113] etwas sehr Konkretes über das Tafelklavier-Modell: "Dieses Instrument baue er 'nach einem Original in meinem Besitz von Anton Walter und Sohn, Wien (um 1780) [die Datierung ist wohl falsch, da Walter zu dieser Zeit noch nicht mit dem Zusatz "und Sohn" firmierte, Anm. CD], mit der so genannten Wiener Mechanik, einchöriger Besaitung (leichtes Stimmen!) und fünf Oktaven Umfang, Kniehebel für Aufhebung der Dämpfung, in Mahagoni oder Kirschbaum fourniert', in der Werkstatt." [Zitat wohl aus "Zeitschrift für Hausmusik" übernommen, Anm.CD]

[S. 78:] "Das Jahr 1934 war überschattet durch den tragischen Tod von Frau Inga Hoesch [geb. Torshoff]. Dieser harte Schicksalsschlag sowie die politischen Verhältnisse bewogen Hoesch, sich von den öffentlichen Musikveranstaltungen zurückzuziehen. Die Werkstatt arbeitete indessen weiter." [...]

Clinkscale [S. 314] listet ein zu dieser/n Kopie/n aus der Instrumenten-Werkstatt von Hans Eberhard Hoesch passendes Original-Instrument in der Sammlung von Hans Eberhard Hoesch: "Date: c. 1800, Style: Square, Compass 5 oct.: FF-f3 Length 111, Width: 43, Depth: 19, [...] Knee Levers: 1: damper, Pedals: None; Present Owners: Germany/Hagen-Kabel: Uta Hoesch in 1985 [...]." Clinkscale weiß ferner von einem Handzug für una corda zu berichten, was ich allerdings nicht für glaubhaft halte. Das Original-Instrument wäre dann doppelchörig und hätte dann 122 Saiten auf derselben Fläche unterzubringen, auf der die Kopie 61 Saiten hat! Vielleicht meint Clinkscale einen Moderator-Handzug - aber auch diesen gibt es in der ansonsten sehr getreuen Kopie nicht.

Provenienz: 1935 von Hoesch nach Kölliken (Kt. Aargau) in die Schweiz verkauft (zusammen mit vier Werbe-Postkarten der Instrumenten-Werkstatt Hoesch in einer Mappe); 2013 Erwerb von dort durch Pooya Radbon; Februar 2015 Erwerb für die Sammlung Dohr im unrestaurierten, bedingt spielbaren Zustand von der Sammlung von Pooya Radbon, Delmenhorst (www.fortepiano-collection.net).

Literatur:

  • Hans E. Hoesch und die Kabeler Kammermusik. Eine Dokumentation anläßlich der 40.Wiederkehr der Gründung des Hagener Kulturrings veröffentlicht am 11. November 1985. hg. vom Hagener Kulturring e.V., Fritz Werner Körfer. Hagen: Selbstverlag des Kulturrings 1985.
    Bedeutende Veröffentlichung zu Hans Eberhard Hoesch und seinen Aktivitäten als Sammler, Instrumentenbauer, Konzertveranstalter, Ideengeber, Keimzelle der historisierenden Aufführungspraxis. Viele seltene Fotos, zahlreiche Dokumente. Enthält auf S. 18 ein Werkstatt-Foto, das die Arbeiten an den Tafel-Klavier-Kopien zeigt; enthält auf S. 24 ein Foto der Tafelklavier-Kopie; Bildlegende: "Kleines Tafelklavier nach Anton Walter / Wien um 1780". Erwähnung im Text (Erstabdruck des Festvortrags August Wenzinger, Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik) auf S. 33 :das oben nach dem Wiederabdruck gebrachte Zitat.
  • August Wenzinger, Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik. in: Alte Musik II. Konzert und Konzeption. Sonderband der Reihe "Basler Jahrbuch für Historische Aufführungspraxis" zum 50. Jubiläum des Vereins der "Freunde alter Musik in Basel". Winterthur: Amadeus 1992, S. 69-79. Es handelt sich um den Wiederabdruck des Vortrags von Wenziger vom 11. November 1985 in Hagen aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des "Hagener Kulturrings" (Erstabdruck in der Dokumentation des Hagener Kulturrings, 1985).
  • Martha Novak Clinkscale, Makers of the Piano 1700-1820, Oxford 1993, S. 314.
  • Dieter Gutknecht, Kabeler Kammermusik und Hans Eberhard Hoesch, in: ders., Studien zur Geschichte der Aufführungspraxis Alter Musik. Ein überblick vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Köln: Concerto Verlag 1993, S. 194-202.
  • Alexander Langer, Alternativen zur 'Wiener Mechanik' im österreichischen Klavierbau. in: Das Wiener Klavier bis 1850. Bericht des Symposiums "Das Wiener Klavier bis 1850", veranstaltet von der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien vom 16. bis 18. 10. 2003, hrsg. von Beatrix Darmstädter, Alfons Huber, Rudolf Hopfner. Tutzing: Hans Schneider 2007, S. 215-225.
  • Nikolaus de Palézieux, Pionier der alten Musik. Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik. Kassel: Bärenreiter 2012.

Weitere Quellen/Informationen:

  • Telefonat mit Jan Großbach (Frankfurt am Main) am 27. Februar 2011: Er kennt das Tafelklavier [s.o.] aus der Werkstatt von Hans Hoesch aus den 1930er-Jahren, das sich heute im Musikinstrumenten-Museum Lissberg befindet.
  • E-Mail von Kurt Racky, Vorsitzender des Fördervereins dieses Museums: Bei Hans Hoesch handelt es sich um den Seniorchef des Hoesch-Konzerns, Hans Eberhard Hoesch.
  • Telefonat mit Sammler und Instrumentenbauer Kurt Reichmann am 27. Februar 2011: bestätigt diesen Zusammenhang.
  • Telefonate mit Jan Hoesch am 20. Februar 2015 und mit Veronika Hoesch am 21. Februar 2015.
  • Weitere Recherchen in Vorbereitung.