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Christoph Dohr

aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I004

1825 (ca.) | Hammerflügel Christian Erdmann Rancke (Riga)

Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Gesamtsicht

Die drei oberen Fotos rechts und das Foto unterhalb dieser Legende zeigen das Instrument vor, die übrigen nach der Restaurierung.

Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - geschlossen
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Front von oben Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Deckelbeschlag
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Vordertastenplättchen

Kurzcharakteristik: Dieses Instrument des Schubert-Zeitgenossen Chr. E. Rancke ist derzeit das einzig bekannte Opus des Rigaer Instrumentenbauers und damit ein Unikat. Das Instrument (F1-g4 = sechs Oktaven + 1 Sekunde) lässt sich auf ca. 1825 datieren und stellt eine Kopie eines ca. fünf bis zehn Jahre älteren englischen Hammmerflügels nach Broadwoodscher Bauart – allerdings wohl mit Erweiterung des Tonumfanges auf kontinentale Ansprüche – dar. Das Instrument brilliert durch seine kunsthandwerklichen Qualitäten, aber auch durch seinen Klang. Für die Sammlung Dohr konnte der Rancke-Hammerflügel aus Ersthand, von einer 1918 emigrierten Familie der Rigaer Oberschicht des 19. Jahrhunderts, erworben werden. Das ursprünglich spreizenlose geplante Instrument erhielt nachträglich (vielleicht bereits während der Bauphase, vielleicht aber auch erst1918 bei einer ersten Restaurierung) drei Spreizen. 1918 wurde das Instrument "modernisiert": Der ursprünglich verschlossene Unterboden wurde geöffnet, und das Instrument erhielt einen stärkeren Bezug, dem die Statik des Instrumentes allerdings nicht gewachsen war. 2002 Restaurierung durch J.C. Neupert Bamberg mit Rückgängigmachung der Veränderungen von 1918 und Beseitigung der durch diese Veränderungen entstandenen Schäden. 2003 im Mittelpunkt des "Rinck-Festes Köln 2003“.

Langtext: Bei diesem Instrument handelt es sich um einen Hammerflügel aus der Werkstatt eines bisher gänzlich unbekannten Klavierbauers, Christian Erdmann Rancke aus Riga. Seine Lebensdaten sind beinahe diejenigen Franz Schuberts (1796-1828): Im September 1795 wird C. E. Rancke in Riga geboren; Großvater und Urgroßvater waren gefragte Tischler, Großvater Erdmann Rancke errichtete die Contius-Orgel in der ref. Kirche Riga. Christian Erdmann Rancke starb Anfang Mai 1827 im Alter von 31 Jahren und neun Monaten.

Ranckes undatierter Hammerflügel entspricht dem Typ der Broadwoodschen Hammerflügel aus der Mitte der 1810er Jahre: Er besitzt eine Länge von ca. 225 cm, hat sechs Oktaven und eine Sekunde (F1 bis gg4) Umfang und eine englische Mechanik mit einfacher Auslösung. Die Dämpfung ist in den Bass- und den Diskantbereich geteilt; in vielen Details schlägt noch die Abstammung vom Cembalo durch: senkrechter Tastaturvorderdeckel, geschlossener Instrumentenboden, "Dockenleiste" als Begrenzung der vertikalen Dämpferbewegung.

In anderen Punkten zeigt der Hammerflügel, dass er nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen sollte und damit schon zur Entstehungszeit von einigem Wert war: massive Ebenholz-Obertasten ragen aus mit Elfenbein belegten Untertasten hervor; edle Messingbeschläge mit allegorischem, als Halbrelief gearbeitetem Motiv halten den Deckel geschlossen. Der Korpus ist mit ausgesuchtem Pyramiden-Mahagoni-Furnier, durchzogen von hellen Ahornadern, belegt, das auf dem Tastenvorderdeckel zu einem attraktiven achsensymmetrischen Bild komponiert wurde. Im Klaviaturraum kontrastiert leuchtend grünes Rosenholz mit dem Mahagoni. Im Inneren des Instrumentes wird wiederholt Vogelaugenahorn-Furnier verwendet. Das filigrane Notenpult lässt sich durch einen raffinierten Mechanismus in der Höhe verstellen.

Der Hammerflügel von Christian Erdmann Rancke ist ein Dokument des typischen englischen Klangideals zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hier zeigt sich, wie die Handelsströme (und damit die Modetrends, denen das reiche obere Bürgertum Rigas folgte) der alten, 1201 von deutschen Kaufleuten mit Lübecker Stadtrecht gegründeten Hansestadt verliefen.

Der Hammerflügel wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit um das Jahr 1820 von Christian Erdmann Rancke in Riga erbaut; das Instrument konnte im Jahre 2000 von einer aus Riga stammenden und 1918 mit dem Instrument nach München emigrierten Familie "aus Ersthand" für die Sammlung Dohr erworben werden. Die Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg restaurierten den Hammerflügel unter Wahrung der fast vollständig erhaltenen Originalsubstanz konzerttauglich. Die Restauration stellt bestmöglich den Willen des Erbauers wieder her.

Ein Eingriff vielleicht aus dem Jahre 1918, der die Statik des Instrumentes nach Aufbringung moderner, stärkeren Zug verursachender Klaviersaiten durch zusätzliche drei Spreizen statisch sichern sollte und das Instrument baugeschichtlich auf den ersten Blick zwei Jahrzehnte jünger aussehen lässt, wurde nicht rückgebaut.

Voreigentümer: Privatbesitz (Ersthand), München-Schwabing

Literatur:

  • Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 241 [?: Ranke].
  • Christoph Dohr, Christian Erdmann Rancke und sein Hammerflügel, Köln 2003 (mit ausführlicher Instrumentenbeschreibung und 29 farb. Abb.).
  • weiteres Archivmaterial in der Slg. Dohr [bzw. im Stadtarchiv Riga].

Tonträger:

  • DCD018: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 1 (Oliver Drechsel; 2002).
  • DCD019: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 2 (Oliver Drechsel, Egino Klepper; 2003).
  • DCD024: Johann Wilhelm Wilms, Werke für Klavier solo (Oliver Drechsel; 2004).