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Christoph Dohr

aktualisiert
Mittwoch, 19.06.2019 15:03

I037

1875 | Tafelklavier # 9731 Schiedmayer & Soehne, Stuttgart

Signatur auf Vorstecker: Schiedmayer & Soehne, Stuttgart; Serien-Nummer vorne links: 9731; Typ-Nummer groß Innenseite linke Wand, zudem auf Oberkante Vorstecker und auf Mechanik: E85; Mechanik-Nummer auf Mechanik-Block und innen auf Instrumentenboden im Bereich des Einschubs: 43140.

Tafelklavier Schiedmayer 1875, Bezug und Dämpfung im äußersten Bass Tafelklavier Schiedmayer 1875, Gesamtansicht Tafelklavier Schiedmayer, engl. Mechanik m. einfacherAuslösung
Tafelklavier Schiedmayer 1875, Signatur auf Vorstecker Tafelklavier Schiedmayer 1875, Einsatz in Gussplatte oben rechts

Daten

  • Länge: 1957 mm
  • Breite:  900 mm
  • Korpushöhe (ohne Deckel):  330 mm
  • Gesamthöhe (inkl. Deckel): 925 mm
  • Untertasten 140 mm sichtbare Länge, Belag Elfenbein
  • Obertasten 87 mm Länge, Ebenholz
  • im äußersten Diskant und Bass jeweils etwas geringere sichtbare Länge durch leicht geschwungenen Vorstecker
  • Stichmaß: 488 mm
  • Umfang: A2 – a4 = 7 Oktaven

Mechanik: englische Stoßzungen-Mechanik mit einfacher Auslösung; Hammerköpfe befilzt, zum Teil zudem lederüberzogen.

Veränderungen:  Lyra mit einem Pedal: Dämpfungsaufhebung

Bezug:

  • Stahl mit Messing umsponnen einchörig von A2 bis CIS1
  • Messing zweichörig blank von D1 bis F1
  • Stahl zweichörig blank von FIS1 bis a4

strahlenförmig / schrägsaitig, nicht kreuzsaitig; gusseiserner Rahmen mit aufwändigem Zierrat (Traube und Weinlaub links oben, in stilisiert angedeuteten Violinschüssel mündend; rechts mit umkränztem Initial "S", siehe Foto) in den statisch nicht beanspruchten Bereichen, mit zwei Spreizen: (1.) vor der ersten Basssaite (2.) zwischen cis3 und d3 im Diskant; Kapodaster im hohen Diskant (d3-a4); klein dimensionierte Dämpfung (A2 bis h2) mit zusätzlichen kreispunktförmigen Trabanten-Oberdämpfern im tiefen Bass (A2 bis F1); ab c3 ist zunächst der Dämpfung die Diskant-Spreize im Weg (dadurch ist das Instrument bereits relativ früh ungedämpft), im obersten Diskant schließlich Dämpfung unüblich.

Mensur:

  • C1 = 1620 mm
  • F1 = 1540 mm
  • C = 1395 mm
  • F = 1245 mm
  • c = 1110 mm
  • f = 892 mm
  • c1= 600 mm
  • f1 = 450 mm
  • c2 = 300 mm
  • f2 = 235 mm
  • c3 = 150 mm
  • f3 = 130 mm
  • c4 = 90 mm
  • f4 = 70 mm

Zustand: weitgehend original erhalten, neuer, passender Saitenbezug mit neuen Wirbeln (Restaurierung ca. 1970?), voll spielbar, Mechanik sehr gut erhalten (mehrere ersetzte bzw. geleimte Hammerstiele), mehrere kleine Gehäusekratzer; Instrument ohne statische Probleme, voll stimmbar (derzeit a1 = 430 Hz.)

Kurzcharakteristik: ein sehr gut original und vollständig erhaltenes, großes Tafelklavier (mit der Stellfläche eines Salonflügels) der renommierten Stuttgarter Marke Schiedmayer & Soehne aus dem goldenen Herbst des Tafelklaviers: aus einer Zeit, in der das aufrechte Piano bereits seinen Siegeszug angetreten hatte und viele deutsche Hersteller die Tafelklavier-Produktion eingestellt hatten (einzig der Stuttgarter Raum bildete damals in Deutschland eine "Insel", auf der noch Tafelklaviere hergestellt wurden; in den USA wurden allerdings noch länger Tafelklaviere gebaut; die amerikanische Tafelklavier-ära endete 1902 mit einem legendären Tafelklavier-Scheiterhaufen beim Kongress der amerikanischen Klavierbauer); horizontal geteiltes, klappbares Notenpult in aufwändiger Sägearbeit; prächtiges Nussbaum-Wurzelholz-Furnier; vier achteckige, balusterförmige Beine mit Rollen.

Firmengeschichte: Johann David Schiedmayer (1753-1805), Sohn von Balthasar Schiedmayer (1711-1781), war wie Vater und zwei Brüder in Erlangen tätig, ab 1797 in Nürnberg. Er war einer der bekanntesten Klavierbauer seiner Zeit. --- Dessen Sohn Johann Lorenz Schiedmayer (1786-1860) gründete 1809 zusammen mit Carl Dieudonné in Stuttgart die Firma Dieudonné & Schiedmayer. Das Unternehmen wurde bald über die Grenzen der Region bekannt. Nach dem Tod Dieudonnés firmierte die Werkstatt unter Pianofortefabrik von Schiedmayer, ab 1845 nach dem Eintritt von J. L. Schiedmayers älteren Söhne Adolf und Hermann Schiedmayer unter Schiedmayer & Söhne, Pianofortefabrik. Die Klavierfabrik war in der Neckarstraße in Stuttgart beheimatet. --- 1890 wurde die erste Schiedmayer-Celesta bei Schiedmayer & Söhne in Stuttgart gebaut. In den 1970er und 1980er Jahren wurden Instrumente unter der Marke Schiedmayer von Kawai gefertigt. 1980 verkaufte Georg Schiedmayer die Klavierfirma J&P Schiedmayer an das Unternehmen Rud. Ibach Sohn, das den Betrieb Anfang 2008 einstellte. --- Die Celestabau-Tradition führte er mit der Schiedmayer & Soehne GmbH weiter, 1992 gefolgt von seiner Witwe Eliane Schiedmayer. Die Schiedmayer Celesta GmbH mit sieben Mitarbeitern ist seit 2001 in Wendlingen am Neckar nahe Stuttgart ansässig. Schiedmayer-Celesten und -Tastaturglockenspiele werden von Sinfonieorchestern und Opernhäusern weltweit eingesetzt und waren im 20. Jahrhundert lange Zeit praktisch konkurrenzlos, bis Yamaha 1994 in den Celestabau einstieg.

Provenienz: Erwerb 200x im restaurierten, voll spielbaren Zustand über ebay Deutschland im Stuttgarter Raum.

Literatur:

  • Alexander Eisenmann: Schiedmayer & Söhne, Hof-Pianofortefabrik Stuttgart. Vorgeschichte, Gründung und fernere Entwicklung der Firma 1809–1909. Schreiber, Stuttgart 1909.
  • Margarete Rupprecht: Die Klavierbauerfamilie Schiedmayer. Ein Beitrag zur Geschichte des Klavier-Baues. Phil. Diss. Erlangen 1954.
  • Margarete Rupprecht: Schiedmayer (Familie). in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 1. Auflage, Bd .11. Bärenreiter, Kassel 1963, Sp. 1702–1704.
  • Martha Novak Clinkscale: Art. Schiedmayer. in: Robert Palmieri (Hg.): Encyclopedia of the Piano, New York / London 1996, S. 342.
  • Hubert Henkel: Lexikon deutscher Klavierbauer, Frankfurt/Main 2000, S. 547-549
  • Jan Großbach: Atlas der Pianonummern. 10., aktualisierte und erweiterte Aufl. Frankfurt/Main 2005, S. 292f.
  • Hubert Henkel und Sven Dierke: Art. Schiedmayer, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2. Aufl. Personenteil, Band 14. Bärenreiter u.a., Kassel u.a. 2005, Sp. 1329-1331
  • Boje E. Hans Schmuhl (Hg.): Geschichte und Bauweise des Tafelklaviers (Michaelsteiner Konferenzberichte Bd. 68). Augsburg u. Michaelstein 2006.