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Christoph Dohr

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Freitag, 16.04.2021 8:48

I004

1825 (ca.) | Hammerflügel Christian Erdmann Rancke (Riga)

Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Gesamtsicht

Die drei oberen Fotos rechts und das Foto unterhalb dieser Legende zeigen das Instrument vor, die übrigen nach der Restaurierung.

Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - geschlossen
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Front von oben Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Deckelbeschlag
Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Namensschild Hammerflügel Christian Erdmann Rancke - Vordertastenplättchen

Als die Sammlung Dohr im Jahre 2000 auf diesen Hammerflügel aufmerksam wurde, galt das Instrument als "Fake": Der Name "Christian Erdmann Rancke" war in der Fachliteratur nur in einem einzigen Lexikon zu finden, und das entsprechende Lexikon galt als unzuverlässige Kompilation. Rancke war als Klavierbauer unbekannt. Nach drei Jahren Recherche fand sich im Stadtarchiv Riga eine Akte, die Licht in das bisherige Dunkel der Klavierbau-Forschung brachte.

Christian Erdmann Rancke war Schubert-Zeitgenosse: Er lebte in Riga, war jüngster (und wohl auch letzter) Spross einer Familie von Instrumentenbauern. Seine Lebensdaten sind beinahe diejenigen Franz Schuberts (1796-1828): Im September 1795 wird C. E. Rancke in Riga geboren; Großvater und Urgroßvater waren gefragte Tischler, Großvater Erdmann Rancke errichtete die Contius-Orgel in der reformierten. Kirche Riga. Christian Erdmann Rancke starb Anfang Mai 1827 im Alter von 31 Jahren und neun Monaten.

Als Christian Erdmann Rancke im Mai 1827 starb, war sein einziger bisher bekanntgewordener Hammerflügel (zwischenzeitlich gab es auch Hinweise zu ein oder zwei Tafelklavieren von Rancke) noch nicht vollendet. Der Flügel blieb mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Unikat. Die Akte "Concursus Hereditorum et Creditorum" (Zusammenkunft der Erben und Gläubiger des Verstorbenen) gewährt detaillierte Einblicke in eine kleine Pianoforte-Manufaktur um das Jahr 1825. Die Akte beinhaltet u.a. die Anzahlungsquittung für den Flügel. Der Flügel wurde demnach nach Ranckes Tod von den Mitarbeitern seiner Werkstatt zu Ende gebaut. Dass er nicht alleine arbeitete, belegt das "Inventarium" in der Akte, das mehrere Werkbänke aufzählt.

Die (vielleicht nicht nur) durch den Tod Ranckes hervorgerufenen Verzögerungen beim Bau des Instrumentes können der Grund dafür sein, dass das Instrument schließlich anders vollendet wurde, als es ursprünglich konzipiert worden war. Verzögerungen konnten durch statische Probleme aufgetreten sein. Rancke war als Klavierbauer Anfänger; seine Erfahrungen lagen mehr im Tischlerhandwerk: Die Kompensation der Saitenspannung bereitete ihm bei diesem Erstling sichtlich Probleme: Die "kleine" Lösung, den Flügel durch drei Halbkreise, die den "Damm" sicherten, zu stabilieren, scheint nur kurz Bestand gehabt zu haben. Drei weitere, lange Spreizen wurden in die Halbkreise eingeklinkt und längs durch das Instrument gezogen; sie sorgten dafür, dass die Holzkonstruktion nicht als Ganzes kollabierte.

Ausgangspunkt für Ranckes Flügel – so steht es im "Auftrag" – war die Kopie eines englischen Fortepianos Broadwoodscher Bauart. Hier zeigt es sich, wie die Handelsströme (und damit die Modetrends, denen das reiche obere Bürgertum Rigas folgte) der alten, 1201 von deutschen Kaufleuten mit Lübecker Stadtrecht gegründeten Hansestadt verliefen. Es zeigt auch, dass John Broadwood & Sons schon früh über ein internationales Vertriebssystem verfügte, seine Instrumente auch in Riga bekannt waren. Und so ist der Hammerflügel von Christian Erdmann Rancke ein Dokument des typischen englischen Klangideals zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Als Rancke den Broadwood-Flügel-Typ zu kopieren begann, stand allerdings die Zeit im Klavierbau nicht stil: Seit spätestens 1800 überschlugen sich die Baufortschritte: Von fünf über fünfeinhalb auf sechs Oktaven Ambitus erweiterte sich der Umfang. Ein 15 Jahre altes Instrument konnte da schon recht „alt“ aussehen, war doch die jüngere zeitgenössische Literatur nicht mehr spielbar. Englische Lieferanten "konfektionierten" ihre Instrumente nicht nur in der Größe, sondern auch im Ambitus. So konnte man je nach Geldbeutel und musikalischem Anspruch verschiedene Manualumfänge bestellen. Während der Bauzeit seiner Broadwood-Kopie gab es eine zusätzlich Erweiterung des Umfangs, und zwar um einen Ganzton im Diskant. Unser Rigaer Kaufmann wollte vielleicht nicht rückschrittlich sein. "Sein" Flügel erhielt zwei weitere Tasten im Diskant eingebaut. Der Flügel war fortan asymmetrisch aufgebaut: Die rechte Klaviaturbacke wurde um eine Untertastenbreite schmaler als die linke.

Der Rancke-Flügel stand fast ein Jahrhundert im Hause der Rigaer Kaufmannsfamilie. Dieser Hammerflügel stand optisch im Zentrum eines Salons. Er sollte nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen und damit Zeichen des Reichtums seines Auftraggebers sein: massive Ebenholz-Obertasten ragen aus mit Elfenbein belegten Untertasten hervor; edle Messingbeschläge mit allegorischem, als Halbrelief gearbeitetem Motiv halten den Deckel geschlossen. Der Korpus ist mit ausgesuchtem Pyramiden-Mahagoni-Furnier, durchzogen von hellen Ahornadern, belegt, das auf dem Tastenvorderdeckel zu einem attraktiven achsensymmetrischen Bild komponiert wurde. Im Klaviaturraum kontrastiert leuchtend grünes Rosenholz mit dem Mahagoni. Im Inneren des Instrumentes wird wiederholt Vogelaugenahorn-Furnier verwendet. Das filigrane Notenpult lässt sich durch einen raffinierten Mechanismus in der Höhe verstellen.

1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Situation für den alteingesessenen deutschen Bevölkerungsanteil in Riga unerträglich. Die Familie migrierte von Riga nach München – und nahm den wertvollen Hammerflügel mit. Nach der Ansiedelung in München war noch genug Vermögen da, den Flügel "generalüberholen" zu lassen. Der Flügel wurde modernisiert: Der bis dato geschlossene Unterboden wurde geöffnet, es wurden neue Saiten aufgezogen. Einige Jahrzehnte hat die holzbasierte Statik diese Eingriffe noch ausgehalten, denn man konnte sich in der Familie noch daran erinnern, dass noch auf dem Instrument musiziert worden war. 2000, im Jahr des Erwerbs des Hammerflügels aus der Ersthand der alten Rigaer Kaufmannsfamilie für die Sammlung Dohr, war dies jedoch zwei Generationen her. In den letzten Jahrzehnten war das Instrument lediglich optischer Mittelpunkt einer Münchner Villa gewesen …

Nach dem Erwerb für die Sammlung Dohr war es erstes Ziel, den Flügel zu restaurieren, das heißt, die Veränderungen des Jahres 1918 wieder rückgängig zu machen, den Flügel mit historischem Bezug auszustatten. Diese Arbeiten wurden 2002 in den Werkstätten von J. C. Neupert, Bamberg, durchgeführt; der Flügel ist seitdem wieder konzert- und CD-Produktions-tauglich. Geblieben ist, dass man dem Instrument die Zeit seiner Überbelastung deutlich ansieht. Der Korpus ist in sich verzogen. 2003 stand das Instrument im Mittelpunkt des "Rinck-Festes Köln 2003". Mehrere CD-Einspielungen, seit 2005 zahlreiche Einsätze in Konzerten vor allem im Pianomuseum Haus Eller.

Dieses Instrument des Schubert-Zeitgenossen Christian Erdmann Rancke ist derzeit der einzig bekannte Hammerflügel des Rigaer Instrumentenbauers und damit ein Unikat. Das Instrument lässt sich auf ca. 1825 datieren und stellt eine Kopie eines ca. zehn bis 15 Jahre älteren englischen Hammerflügels nach Broadwoodscher Bauart – allerdings wohl mit nach Abschluss des Bauplans durchgeführter Erweiterung des Tonumfanges um einen Ganzton – dar. Das Instrument brilliert durch seine kunsthandwerklichen Qualitäten, aber auch durch seinen Klang. Für die Sammlung Dohr konnte der Rancke-Hammerflügel aus Ersthand, von einer 1918 emigrierten deutschsprachigen Kaufmannsfamilie aus der Rigaer Oberschicht des frühen 19. Jahrhunderts, die den Auftrag zum Bau des Instrumentes an Rancke erteilt hatte, erworben werden. Das ursprünglich spreizenlose geplante Instrument erhielt mit großer Wahrscheinlichkeit bereits während der Bauphase zusätzlich zu drei Dammbrücken drei Spreizen. 1918 wurde das Instrument "modernisiert": Der ursprünglich verschlossene Unterboden wurde geöffnet, und das Instrument erhielt einen stärkeren Bezug, dem die Statik des Instrumentes allerdings nicht gewachsen war. 2002 Restaurierung durch J.C. Neupert Bamberg mit Rückgängigmachung der Veränderungen von 1918 und Beseitigung der durch diese Veränderungen entstandenen Schäden.

Länge: ca. 225 cm, Ambitus: sechs Oktaven und eine Sekunde (F1 bis g4); englische Mechanik mit einfacher Auslösung; Dämpfungsaushebung ist in den Bass- und den Diskantbereich geteilt; senkrechter Tastaturvorderdeckel, geschlossener Instrumentenboden, "Dockenleiste" als Begrenzung der vertikalen Dämpferbewegung.

Voreigentümer: Privatbesitz (Ersthand), München-Schwabing

Literatur:

  • Pierce Piano Atlas, 8. Aufl. Termino/CA 1982, S. 241 [?: Ranke].
  • Christoph Dohr, Christian Erdmann Rancke und sein Hammerflügel, Köln 2003 (mit ausführlicher Instrumentenbeschreibung und 29 farb. Abb.).
  • weiteres Archivmaterial in der Slg. Dohr [bzw. im Stadtarchiv Riga].

Tonträger:

  • DCD018: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 1 (Oliver Drechsel; 2002).
  • DCD019: Johann Christian Heinrich Rinck, Das Klavierwerk Vol. 2 (Oliver Drechsel, Egino Klepper; 2003).
  • DCD024: Johann Wilhelm Wilms, Werke für Klavier solo (Oliver Drechsel; 2004).