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aktualisiert
Montag, 04.10.2021 8:48

I192

1957 | Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782). Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)

Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)

Mit dem beim vorliegenden Clavichord erstmals realisierten Konzept ist Rainer Schütze einen besonderen Weg gegangen: Er kombinierte modernes Erscheinungsbild mit historischen Bauprinzipien und Maßen (z.B. der Mensur des Bezugs). Optisch hat das Instrument sein Erscheinungsbild übernommen von einem 1954, direkt bei Gründung seiner eigenen Werkstatt, zusammen mit Egon Eiermann (1904-1970) designten Clavichord. Dieses Instrument lehnte sich nicht ein ein historisches Vorbild an; es hatte einen modernen Stahlsaiten-Bezug mit neu berechneter Mensur. Das Instrument (Unikat?) von 1954 fällt durch ein Untergestell aus verchromtem Stahlrohr auf. Dagegen wirkt die Lösung beim vorliegenden Modell von 1957 "bieder".

Beschreibung: Korpus Kirsche massiv.

Korpus (ohne Deckel): 43,4 cm tief, 129,2 cm breit, 14,0 cm hoch.
Korpus (mit Deckel): 44,0 cm tief, 130,0 cm breit, 15,4 cm hoch.
Gesamthöhe mit Beinen (runder Querschnitt, konisch spitz zulaufend, eingeschraubt, Holzgewinde, schwarz gebeizt): 75 cm.
Spielhöhe; 67,7 cm

Vorderdeckel 15,4 cm tief, Hinterdeckel 28,6 cm tief. Frontdeckel 7,0 cm hoch, 126,2 cm breit. vier Scharniere vom Frontdeckel zum Vorderdeckel, fünf Scharniere vom Vorderdeckel zum Hinterdeckel, drei Scharniere vom Hinterdeckel zur hinteren Korpuswand.
Ambitus: C-f3 = viereinhalb Oktaven = 54 Tasten.
Stichmaß: 47,3 cm

Untertasten mit Ebenholz belegt, 40 mm Vordertastenlänge / 118 mm sichtbare Länge; Obertasten Holz, weiß belegt, 72 mm Länge
Tastenhebel vorne an der Unterseite ausgekehlt und an hinteren Ende ein- bis vierfach ausgebleit.
C-H einchörig, umsponnen, c-f3 zweichörig, blank; durchgängig ungebunden
Wirbel in Sechser-Reihen: 6x6 Wirbel als Bass-Feld, 10x6 Wirbel als Diskant

"S781" eingeschlagen auf der linken Seite des ersten Tastenhebels und auf dem Waagebalken unterhalb der ersten drei Basstasten; "781" eingeschlagen auf der Oberseite des zweiten Tastenhebels; "1" bis "54" eingeschlagen auf allen Tastenhebeloberseiten fortlaufend vom Bass aus, die "2" dabei kollidierend mit der "781". "RAINER SCHÜTZE / HEIDELBERG" eingeschlagen unterhalb der Rosette im Resonanzboden.

Nach tel. Auskunft von Jakob Schütze (Heidelberg, 01.07.2021) handelt es sich nicht um eine Seriennummer, sondern um eine Kennzeichnung von Bauteilen innerhalb der Kleinserien-Produktion. Arnold Werner-Jensen (Heidelberg, 04.07.2021) bestätigt ebenfalls telefonisch, dass Instrumente von Rainer Schütze keine Seriennummer aufweisen.

gestalterische Besonderheiten in der Konstruktion:
-- Stimmstock durch Palisander-Holz farblich abgesetzt, auch an der Front.
-- Bezug-Anhangleiste korrespondiert in Holzwahl mit Stimmstock; die Anhangleiste ist von den Korpuswänden optisch "schwebend" gestaltet.
-- Der durchgezogene Deckel ersetzt in der oberen Hälfte der Instrumentenfront den Korpus.
-- Die Resonanzboden-Rosette hat einen Durchmesser von brutto 60 mm, netto 54 mm; erhabener Zierrand von 3 mm aus dunklerem Holz. Statt einer "klassischen" Rosette sind fünf dünne Stäbe aus hellem Holz in unregelmäßigem Abstand eingesetzt,
-- Das Notenpult besteht aus einer klappbaren hölzernen Auflageleiste (24-34 mm tief, 40,2 cm breit), befestigt an einem am inneren Vorderdeckel befestigten V-förmigen Träger aus Draht. Der V-förmige Träger wiederum ruht auf einer dreieckigen Basis, die auf den Tastenführungsstiften von d', es' und e' aufgesteckt ist.
-- Eine Leiste mit einem quadratischen Querschnitt von 10 mm x 10 mm dient als "Vorstecker" und teilt damit dem Klaviaturraum vom "Inneren" des Instrumentes mehr symbolisch ab. Die Leiste lagert auf drei Stiften, die durch Aussparungen in den Tastenhebeln FIS/G, d1/es1 und a2/b2 geführt sind. Der Befund im Instrument legt nahe, dass die Konstruktion des "Vorsteckers" erst nachträglich hinzugefügt wurde.

zum Erbauer: Rainer Schütze (* 27. Februar 1925 in Heidelberg, † 6. Mai 1989 ebd.) hat als Bauer historischer Tasteninstrumente einen ähnlich guten Ruf wie Martin Skowroneck (1926-2014, Bremen). Beide gelten als Pioniere bei der Rückbesinnung auf historische Bauprinzipien und originale Klangbilder. Folgerichtig, auch ein Beispiel seiner Baukunst in die Sammlung Dohr aufzunehmen. Das Clavichord mit der Kenn-Nummer S781 aus dem Jahre 1957 konnte quasi "aus Ersthand" von der Tochter, deren Eltern den Bauauftrag erteilten, erworben werden. Bei diesem Modell kombiniert Schütze historische Baukunst mit modernem Design (der 1950er-Jahre), kam doch bei Schütze der Instrumentenbau zum Design (Studium bei Egon Eiermann) hinzu  - und nicht umgekehrt.

Nach dem Tod von Rainer Schütze versuchte sein Sohn Gerhard, das Geschäft des Vaters fortzuführen, beendete dies aber nach wenigen Jahren (2004/2005; Mitteilung von Reiner Mertens, 01.07.2021). Der Betrieb wurde aufgelöst (tel. Mitteilung von Arnold Werner-Jensen (Heidelberg, 04.07.2021).

Information aus  MGG online (open source, Autor: Arnold Werner-Jensen, Heidelberg): Schütze, Rainer
* 27. Febr. 1925 in Heidelberg, † 6. Mai 1989 ebd., Cembalobauer. Schütze betätigte sich nach seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg bereits in russischer Gefangenschaft als Holzschnitzer und Schreiner und absolvierte 1949 bis 1954 ein Architekturstudium in Karlsruhe (Egon Eiermann). 1954 gründete er in Heidelberg ein Designbüro (Werkstatt für Modellentwicklung und Instrumentenbau). Hieraus ging die Firma Heidelberger Cembalobau Rainer Schütze hervor, in der in den 1950er Jahren erste Clavichorde und Cembali entstanden und die nach dem Tod ihres Gründers einige Jahre von dessen Sohn Gerhard weitergeführt wurde. Schnell wuchs ihr Ruf im In- und Ausland, gefördert durch intensive Kontakte zu Musikern der historischen Aufführungspraxis wie G. Leonhardt, N. Harnoncourt und K. Gilbert. Schütze erwarb mehrere Patente und meldete viele Baudetails als Gebrauchsmuster an. Regelmäßig stellte er seine Instrumente auf internationalen Ausstellungen und Kongressen aus und errang zahlreiche Auszeichnungen (u. a. Bayerischer Staatspreis und Goldmedaille der Handwerksmesse München 1956, Silberne Medaillen der Triennale Mailand 1957 und 1964). Schützes Entwicklungsarbeit an einem Hammerklavier der Mozartzeit blieb unvollendet.
Schütze wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren des 20. Jh. neben Martin Skowroneck zu einem der Pioniere des Baus historischer Kielinstrumente. Von beiden gingen entscheidende Impulse zur Wiederbelebung aus.

 

zur Kopiatur: Schon eine kleine Rarität: Ein Instrumentenbauer zeichnet seinen Kunden, dem Künstler-Ehepaar Fritz und Juliane Reuter, das in Auftrag gegebene und nun zu bauende Clavichord.
Rainer Schütze in seinem Brief vom 14. Juni 1957 an Juliane Reuter:
"Ich möchte Ihnen gerne ein Messinginstrument bauen und nehme auf mich, wenn dies in Ihrem Sinn liegt, dass meine Clavichordform (für Stahl) nicht zur Anwendung kommt, sondern eine genaue Kopie eines historischen Klavichords, also in der geschlossenen Kastenform. Ich würde für diesen Umfang von 4 1/2 Okt. die Mensur nach Christian Gottlob Hubert 1782 wählen [-] eines der besten Klavichordbauer aus der Blütezeit des Instruments."
Die Anamnese des Instruments belegt: Dieses Klavichord "S751" ist ein Unikat oder die #1 einer Kleinserie.

Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)

Provenienz: Erwerb für die Sammlung Dohr am 27. Juni 2021 von Ulrike Reuter (Obertrubach), die das Instrument 1973 von ihren Eltern Fritz und Juliane Reuter als Geschenk erhalten hatte.

Zustand: [bei Erwerb] Das Instrument ist in einem spielfähigen Zustand und weist lediglich in der Optik starke Gebrauchsspuren auf. Das Instrument wurde nach Angabe der Tochter vor ca. 20 Jahren unfachmännisch neu besaitet. Es besitzt somit nicht mehr den originalen, von Rainer Schütze ausgerechneten Messing-Bezug.

Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957) Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)
Clavichord nach Christian Gottlob Hubert (Ansbach 1782), Kopie von Rainer Schütze #S781 (Heidelberg 1957)

Literatur: [a] Primärliteratur. Rainer Schütze: Die Unterschiede in der akustischen und musikalischen Qualität bei alten und modernen Cembali, Europiano-Kongress Berlin 1965, S. 247-251; Ders.: Die akustischen und klanglichen Veränderungen von Ruckers-Cembali durch die späteren Erweiterungen im Tonumfang (Ravalemant). in: Colloquium. Restauratieproblemen van Antwerpse klavecimbels. Museum Vleeshius, 10 tot 12 mei 1970. Antwerpen 1971, S. 23-28; Ders., Der historische Klang, Wunschtraum oder technoide [sic] Banalität? in: Vera Schwarz (Hrsg.): Der klangliche Aspekt beim Restaurieren von Saitenklavieren. Kongressbericht Graz 1971. Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1973, S. 25-27; ; Ders., Beiträge zur Klang- und Systemforschung, in: Instrumentenbauzeitschrift / musik international, Siegburg 1983, S. xx-xx; Ders., Klanglichkeit und Ausdrucksfunktion der Tasteninstrumente der Bach-Zeit. in: Dietrich Berke und Dorothee Hanemann (Hrsg.): Alte Musik als ästhetische Gegenwart. Bach - Händel - Schütz. Bericht über den internationalen musikwissenschaftlichen Kongress Stuttgart 1985, Kassel u.a.: Bärenreiter 1985/1987, Bd. 2, S. 444-452.

[b] Sekundärliteratur. Martin Elste, Nostalgische Musikmaschinen, in: Kielinstrumente, hrsg. vom Staatlichen Institut für Musikforschung Preuß. Kulturbesitz, Berlin 1991, S. 271ff.; Art. "Schütze, Rainer", in: Das große Lexikon der Musik, Freiburg i. Br.: Herder 1982, Bd. 7, S. 306; Arnold Werner-Jensen, Art. "Schütze, Rainer", in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Ausgabe, Personenteil, Bd. 15 (Kassel 2006), Sp. 410 [Bibliographie unzuverlässig].